Naturkinder

Posted on 13. Juni 2011

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Die Mutter ist in heller Aufregung als ihr Kind sich einem Tier nähert. „Bleib da weg, das sticht!“ Ich blicke auf und schaue, worum es geht. „Ach das ist Quatsch, die können doch gar nicht stechen“ entfährt es mir, was die besorgte Mutter nicht beruhigen kann: „Stechen vielleicht nicht, aber beißen tun die!“ – „Äh… nein, die sind völlig harmlos.“ – „Sagst Du, aber ich habe anderes gehört!“

Ja, sage ich. Und wer es nicht glaubt, darf es gerne nachschlagen: Libellen sind völlig harmlos.

Situationen wie diese erlebt man zwar nicht täglich, aber für mich gehören sie zu jedem Sommer. Meine Eltern haben einen Kleingarten in dem ich im Sommer gerne Zeit verbringe, sei es, um bei der Gartenarbeit mit zu helfen, um in der Sonne zu liegen, oder in Ruhe zu lesen oder (wie gerade jetzt) zu schreiben. Wenn junge Eltern mit Kindern zu Besuch sind, die selbst nicht das Glück haben einen Garten zur Verfügung zu haben, und auch häufig mit sehr wenig Kontakt zur Natur aufgewachsen sind, kann sich immer wieder eine derartige Situation ergeben.

Das lässt mich schon lange darüber grübeln, wie wenig Kontakt zur Natur und wie wenig Wissen darüber noch bei jungen Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern vorhanden sind. Ich nehme mich selbst davon nicht aus. Auch wenn ich mich gerne im Garten aufhalte und auch oft Streifzüge durch die Wälder der Umgebung unternehme, Wird es schon problematisch, wenn ich Bäume auseinanderhalten soll. Eiche und Kastanie erkenne ich noch ziemlich sicher, dann hört es aber auch schon auf. Auch die Blumen im Garten sind zunächst einmal einfach nur Blumen. Sie jenseits ihrer Farben auseinander zu halten ist mir schwer bis unmöglich.

Dennoch habe ich durch ständigen Naturkontakt seit Kindertagen Vorzüge genossen, die aktuell vielen Jugendlichen verwehrt bleiben. So haben zum Beispiel 2/3 der aktuell jugendlichen nie einen Schmetterling oder Käfer auf der Hand gehabt.

Diese Zahl stammt aus einer aktuellen Folge der Radiosendung IQ – Wissenschaft und Forschung des Senders Bayern 2, die sich unter dem Titel „Kinder und Natur – Wenn Kindern echte Naturerlebnisse fehlen“ intensiv mit dieser Problematik auseinandersetzt.

Die Sendung ist sehr hörenswert und interessant (das ist IQ grundsätzlich; absolute Podcast-Empfehlung) aber erscheint mir recht voreilig oder zumindest unpräzise bei der Erforschung der Ursachen. Schon in den einleitenden Farmville-Beispielen wird recht klar, was man hier als Hauptursache, wenn nicht gar einzige Ursache, vermutet, auch wenn es in der Sendung als ganzes nie in aller Deutlichkeit so gesagt wird: die Verlockungen der modernen Medien, allen voran das Internet sind schuld.

Man könnte sehr leicht geneigt sein, solchen Vermutungen zuzustimmen. Schnell drängt sich das Bild träger Jugendlicher auf, die den ganzen Tag vor ihren Rechnern sitzen und völlig verkümmern. Auch in anderen Zusammenhängen wird ja gerne auf dieses Bild zurückgegriffen. Damit macht man es sich jedoch allzu einfach, nicht zuletzt auch deshalb, weil dieses Bild so nicht stimmt.

Vor kurzem veröffentlichte das ifo-Institut München eine Untersuchung zum jugendlichen Sozialverhalten. Das für einige sicher überraschende Ergebnis:

… zusammen mit den ifo-Wissenschaftlern Stefan Bauernschuster und Oliver Falck zeigt Wößmann in der neuen Studie, dass schnelles Internet zu Hause die sozialen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen im Durchschnitt positiv beeinflusst. Sie gehen häufiger Gruppenaktivitäten außerhalb der Schule nach wie z. B. dem Besuch von Sportvereinen, Musik- oder Gesangsunterricht oder Jugendgruppen. Auch die Beteiligung an verschiedenen AGs in der Schule nimmt nicht ab.

Es scheint also so zu sein, dass im Internet aktive Kinder und Jugendliche im Durchschnitt auch anderweitig aktiver sind. Damit kann dem Internet aber auch nicht mehr die Schuld an mangelndem Naturerleben geben.

Auf der Suche nach den Ursachen kann man die „Schuldfrage“ aber auch nicht beim naturentfremdendem Stadtleben suchen, wenn sich zeigt, wie in der Radiosendung angeführt, dass Kinder und Jugendliche nicht einmal dann in die Wälder gehen, wenn diese ganze fünf Minuten von der Haustür entfernt sind. Haben wir es vielleicht jenseits des Internets mit einem Überangebot an realweltlichen Alternativen zu tun, die für Kinder einfach spannender sind, als die Erkundung der Natur? Vielleicht teilweise, aber grundsätzlich wird sich eher über einen Mangel an Angeboten für Kinder und Jugendliche beklagt und wo es sie gibt, beklagt man sich, dass sie nicht ausgiebig genug genutzt werden.

Betrachten wir einmal die möglicherweise beliebteste Jugend-Aktivität oder besser Nicht-Aktivität: das „Abhängen“ oder „Chillen“ oder wie auch immer das aktuell genannt wird. Dies ist kein neues Phänomen, auch wenn wir das vielleicht gerne meinen. Jugendliche hängen rum. Das war wahrscheinlich schon immer so. Zu allen Generationen und zu allen Zeiten. Aber wo tun sie das? Warum wird diese gezielte Nicht-Aktivität überall praktiziert nur allzu oft eben nicht in der Natur? Warum ist Natur bestenfalls als Kulisse beliebt und interessant wird aber bei tatsächlichen Aktivitäten weitestgehend gemieden?

Das war nicht immer so. In zumindest meiner Vorstellung (und ich denke, ich bin da nicht alleine) sollte dieses Abhängen z.B. im 18. und 19.Jahrhundert in der Natur stattgefunden haben. Dies entspräche unseren romantischen Vorstellungen unter anderem auch von der Romantik genannten Epoche. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit auch da Natur bevorzugt lediglich Kulisse war.

Ohne soweit zurückgehen zu müssen erinnere ich mich an meine eigene Kindheit und Jugend. Zahlreiche Wochenenden und vor allem auch Ferien wurden auf einem Campingplatz verbracht, den meine Eltern später zu Gunsten eines Kleingartens aufgaben. Es war eine Selbstverständlichkeit, dass wir Kinder dabei auch mal stundenlang alleine im Wald herumwanderten. Oder auch mal zu Bauernhöfen in der Nähe gingen und wenn der Bauer gut drauf war durften wir uns im Stall Küken oder Ferkel anschauen. Ohne, dass die Eltern wussten, wo wir waren. Ohne, dass wir Telefone dabei hatten. Und ohne, dass irgendwer sich wegen irgendetwas dabei Sorgen machte. Was ist seitdem passiert?

Tatsächlich, so meint im Radiobeitrag der Erziehungswissenschaftler Ulrich Gebhard, konnte sich ein positives Naturerleben erst entwickeln, als der Mensch die Natur zähmte und keine Angst mehr vor ihr zu haben brauchte.

Daran hat sich jedoch grundlegend meines Erachtens nichts geändert. Die Natur ist gezähmter denn je. Dennoch tauchen neue Ängste auf. Der Wald, das ist der Ort, an dem böse Männer und tödliche Zecken lauern. An jeder Ecke können Unfälle oder sonstwas passieren. Das ist kein Problem der Kinder und Jugendlichen. Es ist vielmehr ein Problem der Eltern. Überbesorgte Eltern, denen auch die Natur fremd ist, sind es, die maßgeblich dazu beitragen, echte Freude an der Natur und echtes Naturerleben bei Kindern gar nicht erst entstehen lassen. Stundenlange Streifzüge allein durch die Wälder, wie wir sie damals auf dem Campingplatz unternahmen? Heute undenkbar. Sich von einem unbekannten Bauern mit Ferkeln und Küken in den Stall „locken“ lassen? Oh mein Gott, der könnte ja wer weiß was tun!

Die Ursachen dafür können wir nicht bei modernen Medien und unausgewogenen Jugendangeboten suchen. Die Grundsteine dafür wurden bereits gelegt, als es keine Heim-PCs, keine Mobiltelefone, weniger Jugendangebote und ganze zwei Fernsehsender mit Sendeschluss (ja, früher wurde nicht rund um die Uhr gesendet) gab. Ich vermag sie nicht schlüssig auszumachen.

Teilweise gebe ich einem meiner Lieblingsopfer die Schuld: dem Bildungssystem. Nehmen wir mein einführendes Libellen-Beispiel: dass Libellen stechen oder beißen ist ein genauso hanebüchener wie sich hartnäckig haltender Mythos, der quer durch alle Altersgruppen geglaubt und verteidigt wird. Warum schafft es Biologie- und Naturkunde-Unterricht nicht, mit solchem und vergleichbarem Unsinn aufzuräumen? Da muss seit Generationen was im Argen liegen. Ich weiß auch nicht, wie aktueller Naturkundeunterricht aussieht und wie er an anderen Schulen „zu meiner Zeit“ aussah, aber aus meiner Schulzeit erinnere ich mich an ganz genau eine Exkursion im Freien während des Biologie-Unterrichtes. Wahrscheinlich waren es im Laufe der Jahre sogar zwei oder drei, aber bei meinem Mangel an Erinnerungen daran können sie weder prägend noch einprägsam gewesen sein.

Dabei ist es bei weitem nicht so, dass ich mich nicht dafür interessiert hätte. Im Gegenteil, Interesse und Neugier diesbezüglich waren da Zeit meines Lebens vorhanden, doch offenbar hat es niemand geschafft, diesen fruchtbaren Boden angemessen zu beackern.

Das dürfte auch bei heutigen Kindern nicht viel anders aussehen. Ich habe noch kein Kind gesehen, dass nicht interessiert gestaunt hätte, wenn man ihm einen Molch aus dem Gartenteich oder eine große Libelle aus der Nähe gezeigt hätte. Aber was hat das Kind von dieser Neugier, wenn es allein die Natur nicht erkunden darf, die Eltern aber oft auch nicht raus wollen, wenn es ständig nur erzählt bekommt, wie gefährlich alles ist?

Wir belächeln gerne die deutsche Kleingartenkultur, aber genau die kann einen Teil dazu beitragen und einen Anfang machen, Abhilfe zu schaffen. Nirgendwo ist Natur gezähmter, als in einem Kleingarten, nirgendwo muss man weniger Angst haben, nirgendwo ist ein kontrollierter Erstkontakt mit Natur einfacher. Dabei geht es gar nicht einmal darum, dass es da unbedingt viel zu entdecken und zu lernen gäbe. Aber die Natur ist einfach da, gehört dazu. Ein Paar anekdotische Beispiele:

Meine Mutter hatte ihr Leben lang panische Angst vor Spinnen. Im Garten stieß sie aber unvermeidbar ständig irgendwo auf diese Tierchen. Ein super Desensibilisierungsprogramm. Angst hat sie nun schon seit Jahren nicht mehr. Vor Mäusen hatte sie zwar nie vergleichbare Angst, wollte sie aber auch nicht unbedingt in ihrer Nähe haben. Vor kurzem ist nun eine Mäusefamilie im Komposter „eingezogen“. Mutter stört sich nicht nur nicht dran, sondern freut sich sogar drüber und findet sie süß.

Ein früherer Garten-Nachbar war Hobby-Imker und hatte tatsächlich Bienenstöcke in seinem Garten. Viele dieser Bienen versorgten sich an unserem Gartenteich mit frischem Wasser, was da an einigen Ecken für ziemliches Gewusel sorgte. Das mag sich machner vielleicht als blanken Horror vorstellen aber tatsächlich sind Bienen eigentlich recht harmlos. Lass Du sie in Ruhe lassen sie Dich auch in Ruhe. Wenn man das einmal drin hat, kann man ganz entspannt mit so etwas umgehen und die Bienen stören einen nicht weiter. Umso mehr konnten wir uns auch über den leckeren Honig freuen, den unser Nachbar gerne auch an uns verteilte.

Beim Teich selbst hatten wir anfänglich den Fehler gemacht zu tun, was die meisten mit ihrem Teich tun, und Fische reingepackt. Die waren irgendwann verschwunden, weil sich ein Reiher in der Gegend gerne an der Reichhaltigen Speiseplatte der Gartenteiche bedient. Wir hätten nun tun können, was andere Teichbesitzer in der Anlage auch taten: wieder Fische reintun und Netze und oder Schnüre über den Teich spannen. Meine Eltern entschieden sich jedoch anders. Im nächsten Frühjahr entdeckten wir das erste Tier, von dem keiner wusste, was es war, und staunten: ein Molch.
Der Teich ist vielleicht nicht der schönste. Er ist nicht perfekt angelegt und Seerosen und einige andere Pflanzen neigen zum Wuchern. Aber es wimmelt in ihm vor Leben. Molche dutzendfach, Köcherfliegen, große Libellenlarven denen man später dann auch beim Häuten und Flügelausbreiten zuschauen kann. Auch ein Frosch schaut hin und wieder vorbei. Und und und. Alles in allem ein gesundes Stück Natur, das schick aussieht und für jeden Besucher (gerade auch mit Kindern) zu den Highlights gehört.

Hinzu kommt natürlich das ganze natürliche Drumherum. Insekten, Vögel, Kleingetier, der Kontakt mit der Erde beim Umgraben… Kleingärten sind Orte zum Wohlfühlen, in denen Natur aber, sowohl gezähmt als auch ungezähmt, mehr ist als bloße Kulisse. Der Verein meiner Eltern hofft, freiwerdende Gärten vermehrt an junge Eltern mit Kindern vermitteln zu können und ich kann ihnen aus obigen Gründen nur Erfolg dabei wünschen.

So ein Garten kostet aber natürlich auch Zeit und Geld. Viele junge Familien können leider beides nicht in ausreichendem Maße aufbringen. Aber das heißt nicht, auf Naturerlebnisse und Naturerfahrungen verzichten zu müssen.

Traut Euch raus mit Euren Kindern. Geht mit am Wochenende Spazieren oder Wandern, unternehmt Radtouren. Achtet dabei auch auf Angebote wie Naturerlebnispfade. Tut dies vor allem auch, wenn ihr selbst wenig oder keinen Bezug zur Natur habt. Entdeckt die Natur mit Euren Kindern zusammen.

Erkundigt Euch auch für die Sommerferien nach kostengünstigen oder gar kostenlosen Tagesfahrten, die von verschiedenen Einrichtungen angeboten werden. Achtet dabei auch auf Naturerlebnisse. In meiner Heimatstadt gibt es zum Beispiel seit vielen Jahren die Ferienmaus über die solche Fahrten und Wanderungen angeboten werden. Mein Bruder und ich haben als Kinder bei solchen Fahrten auch in der Natur viel erlebt und immer jede Menge Spaß gehabt und unsere Eltern waren wahrscheinlich froh, die Tage über Ruhe vor uns gehabt zu haben.

Möglichkeiten gibt es viele.

Aber vor allem auch: Lasst Kindern Freiräume. Lasst sie ruhig auch mal alleine was entdecken. Habt keine Angst. Ja, die Welt da draußen ist gefährlich und vor vielem müssen Kinder beschützt werden. Aber nicht davor, Natur zu erleben. Und es ist auch völlig OK, wenn Kinder sich dabei schmutzig machen oder sich dabei kleine Blessuren holen. Herrje, ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Kind mit aufgeschlagenen Knien gesehen habe. Als ich klein war musste man hingegen fast Angst vor einem Außenseiterstatus haben, wenn man im Sommer ohne mindestens einem Pflaster auf mindestens einem Knie rumlief.

Nein, der Wald ist nicht voller böser Männer. Schon gar nicht abseits der Wege. Nicht jedes Tier will Euch oder Eure Kinder fressen und weder Euer Nachwuchs noch seine Kleidung ist dem Tode geweiht, wenn mal eines davon oder beides völlig verdreckt und verschlammt ist. Euer Kind wird auch weiter atmen, wenn ihr mal nicht wisst, wo es ist und was es macht. Sorgen könnt ihr Euch machen, wenn es nicht pünktlich zum Abendessen wieder da ist. Eure Ängste müssen und sollten nicht die Eurer Kinder sein.

Aber tut auch nicht das Gegenteil. Romantisiert, verklärt, vermenschlicht oder mystifiziert die Natur nicht. Da draußen herrschen nicht Frieden und Harmonie. Der Wald ist nicht voller Bambis und da sind auch keine Wiesengeister die positive Schwingungen verbreiten. Das Wasser aus der Quelle ist nicht zwingend gut und rein, nur weil es „aus der Natur kommt“ und auch, was süß und kuschelig aussieht, kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein. Auch sterben und gefressen werden gehört zur Natur und der Förster ist nicht böse, wenn er Bäume fällt.

Nehmt Natur so hin, wie sie ist und versucht auch, sie so Euren Kindern zu vermitteln. Sie ist nicht schlecht und böse. Sie ist auch nicht gut und rein. Sie ist einfach. Und so sehr wir uns auch dagegen sträuben, so weit wir uns auch von ihr zu entfernen versuchen und so wenig sie uns bewusst ist: wir gehören dazu.

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