EHEC

Posted on 24. Mai 2011

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Seit einigen Tagen mehren sich Meldungen über zunehmende Zahlen an Infektionen einer ungewöhnlich aggressiven Variante von enterohämorrhagischer Escherichia coli, kurz EHEC. Das ganze mit faszinierenden aber eigentlich vorhersehbaren Reaktionen darauf.

Eines vorneweg: EHEC ist kein Kleinkram. EHEC-Infektionen sind durchaus problematisch und ernst zu nehmen. Es ist grundsätzlich gut und richtig, Verbreitung und eventuelle Häufungen von EHEC-Fällen im Auge zu behalten und sich damit auseinander zu setzen. Bezüglich dessen, wie das getan wird, gibt es allerdings einige zu beachtende Abers. Doch der Reihe nach.

Eigentlich sind Escherichia coli nichts schlimmes. Die Bakterien sind Teil unserer natürlichen Darmflora. Der menschliche Darm ist auch in gesundem Zustand ein Tummelplatz für Bakterien. Insgesamt übersteigt die Zahl der Mikroorganismen in unserem Darm die Anzahl unserer eigenen Körperzellen um ein Vielfaches. Das klingt vielleicht erschreckend, ist aber eine tolle Sache, denn die ganzen Kleinviecher sind durchaus nützlich. Sie helfen zum Beispiel bei der Verdauung oder spielen für unser Immunsystem eine Rolle. Bei Escherichia coli geht man davon aus, dass es schädliche Mikroorganisman daran hindert, sich im Darm auszubreiten, indem es sich dort selbst ziemlich breit macht.

Das kann es, weil es sich sehr schnell vermehrt, was wiederum, neben seinem recht kleinem und überschaubarem Genom, auch zu den Gründen gehört, weshalb es für die Forschung sehr interessant ist. So gehört E. coli zu den am besten untersuchten Organismen überhaupt. Daraus haben sich auch bereits verschiedene Anwendungen ergeben. So wird das Insulin in den für Diabetiker nötigen Insulinpräparaten durch E. coli gewonnen und aktuell werden Möglichkeiten untersucht, E. coli zur Produktion von Bio-Kraftstoffen zu nutzen.

Escherichia coli kann also durchaus „zu den Guten“ gezählt werden und ist normalerweise nur dann ein Problem, wenn es sich nicht da befindet, wo es hingehört. Außerhalb des Darms ist E. coli äußerst problematisch und führt zu Infektionen.

Es gibt jedoch viele verschiedene Stämme von E. coli, was bei der hohen Vermehrungsrate (E. coli teilt sich unter Optimalbedingungen einmal alle 20 Minuten) nicht verwunderlich ist, wovon einige auch innerhalb des Darms krankheitsauslösend sind. Dazu gehören die enterohämorrhagischen Escherichia coli (EHEC), die sich an die Darmwand heften und verschiedene Giftstoffe produzieren, darunter auch eines, das rote Blutkörperchen zerstört. Eine typische Folge davon ist das, was umgangssprachlich als Magen-Darm-Grippe bezeichnet wird: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall.

EHEC-Infektionen sind keine Seltenheit. Seit 1998 gibt es in Deutschland eine entsprechende Meldepflicht und es werden jährlich um die tausend Fälle verzeichnet. Was ist also aktuell das Besondere?

Nicht alle EHEC sind gleichermaßen aggressiv und der Krankheitsverlauf kann sich stark unterscheiden. Am einen Ende der Skala kann eine Infektion völlig symptomfrei sein und unbemerkt bleiben. Am anderen Ende steht das sogenannte Hämolytisch-urämisches Syndrom mit Blutarmut und Nierenversagen.

Aktuell scheint gar nicht mal die Menge der Fälle Grund zur Sorge zu sein. Es ist von bisher ungefähr 300 Fällen die Rede. Bei Ende Mai und normalerweise ca. 1.000 Fällen pro Jahr sieht das doch sogar noch recht gut aus. Problematischer scheint die schwere der Fälle zu sein. Ungewöhnlich oft verläuft die Infektion sehr schwer und lebensbedrohlich. Auch scheinen mehr Erwachsene betroffen zu sein, als sonst. Durchaus Gründe, aufzuhorchen und dem ganzen etwas verstärkt Aufmerksamkeit zu widmen. Grund zur Panik jedoch ist nicht zu sehen.

Womit wir bei den Reaktionen wären.

„Kein Grund zur Panik.“ So lautete bisher auch jede offizielle Stellungnahme dazu. Damit sind jedoch offenbar nicht alle Menschen einverstanden. Schon vor einigen Tagen begegnete mir die erste Aussage auf Twitter, bei der sich offenbar daran gestört wurde, dass bei 300 Fällen kein Grund zur Panik (oder zumindest Sorge) gesehen wurde. Mittlerweile sind alle Medien auf den Zug aufgesprungen und es stören sich viele daran, dass da sinnlos Panik geschürt werde.

Das faszinierende daran ist die große Überschneidung der beiden Gruppen. Ein nicht geringer Teil derer, die sich vor kurzem noch an geringer Berichterstattung und fehlender Panik störten, kritisieren nun übermäßige Berichterstattung, Panikmache und „Propaganda“.

Propaganda deshalb, weil schon erste Stimmen laut werden, da werde nur wieder ein neuer Anlass gesucht, Menschen mit Chemie vollzupumpen. Natürlich ist das nur eine weitere Verschwörung der bösen Pharmaindustrie.

Derartige Überschneidungen sind faszinierend, aber insofern nicht überraschend, da sie auch zu vielen anderen Gelegenheiten beobachtet werden können. Das war zum Beispiel auch im Zusammenhang mit der H1N1-Schweinegrippe der Fall. Die Menschen, die zunächst von Verharmlosung durch die WHO sprachen, waren später oft auch die, die von sinnloser Panikmache durch die WHO sprachen. Die, die sich aufregten, dass ursprünglich nicht genug Impfstoff vorhanden war („Impfstoff gibt’s nur für die Elite! Verschwörung!!!“) waren oft auch die, die sich beschwerten, dass weiterer Impfstoff nachgekauft und überhaupt geimpft wurde („Hah, wieder mal Erfolg für Big Pharma! Verschwörung!!!“). Derartige Reaktionen gibt es immer, egal was passiert, und alle Medien und Berichte darüber befeuern dies unbeabsichtigt oder teilweise sogar gezielt (die BILD beherrscht derartige Seitenwechsel auf hervorragendste).

Im vorliegenden Fall mag das manchem sogar besonders verlockend oder einleuchtend erscheinen. Ist doch diesmal ausgerechnet Gemüse als Überträger im Visier der Ursachenforschung. Damit hat man endlich all die Bio-Junkies und Vegetarier im Griff, gegen die man bisher nichts ausrichten konnte. Man verleidet ihnen das Gemüse und hat einen Anlass, sie auch endlich mit böser Chemie zu verderben. Verschwörung!

Blöderweise steht dem im Wege, dass man mit Chemie recht wenig gegen EHEC ausrichten kann. Eine Behandlung mit Antibiotika (böser Chemie!!1elf) ist aussichtslos, da sich die EHEC zu schnell vermehren und sich somit sehr schnell Resistenzen bilden. Außerdem sind nicht die EHEC selbst das Problem, sondern die von ihnen produzierten Giftstoffe. Man kann im Prinzip nur abwarten und versuchen, die Symptome und ihre Folgen im Griff zu halten. Wenn dabei Chemie zum Einsatz kommt, dann in Form eines Diuretikums zur Behandlung sich ergebender Nierenprobleme. Ansonsten Glukose-Kochsalzlösungen und wenn sonst nichts hilft Dialyse und in besonders harten Fällen Austausch des Blutplasmas. Ob darüber hinaus in einigen Fällen noch Mittel gegen das Erbrechen oder zur Beeinflussung der Darmtätigkeit zum Einsatz kommen, dazu müssen sich Mediziner äußern, ich weiß es nicht. Alles in allem scheint mir das ganze recht wenig chemielastig zu sein.

Was man hauptsächlich tun kann (und jeder tun sollte) ist Vorbeugung. Aber auch hier ist nicht mit Einsatz von Chemie oder einer Impfwelle zu rechnen (ein Impfstoff ist mir nicht bekannt).

EHEC tummeln sich in Därmen und stammen auch hauptsächlich aus solchen. Meist sind sie bei Rindern, Ziegen und Schafen zu finden. Problematisch ist also normalerweise gar nicht mal Gemüse, sondern der Kontakt mit infizierten Tieren und daraus gewonnen Produkten. Rohes Fleisch und entsprechende Rohwurstsorten können EHEC enthalten. Ebenso unbehandelte (nicht pasteurisierte) Milch. Bei Obst, Gemüse, daraus gewonnenen Produkten und Wasser besteht hauptsächlich dann Gefahr, sofern sie Kontakt mit EHEC-infizierten Fäkalien hatten und vor dem Verzehr nicht erhitzt wurden.

Damit sind die Vorbeuge-Maßnahmen recht überschaubar und lassen sich weitestgehend mit dem Begriff Hygiene zusammenfassen:

Hände gut und oft und gründlich waschen. Klingt nach Selbstverständlichkeit, wird aber gerade nach Toilettengängen allzu sehr vernachlässigt. Gerade nach solchen dient es aber auch sehr dem Schutze anderer Menschen. Vor allem auf öffentlichen Toiletten (und leider auch in Restaurant- und Imbissküchen) ergeben sich dabei zwei hygienische Schwierigkeiten. Zum einen sollte vermieden werden, mit den frisch gewaschenen Händen die Armaturen des Waschbeckens noch einmal direkt zu berühren. Zuvor wurden sie von verunreinigten und potenziell infektiösen Händen berührt. Man griffe also mit den frisch gewaschenen Händen direkt wieder in einen Keim-Tummelplatz. Das zweite Problem sind die Türklinken auf dem Weg nach draußen, die nun mal jeder betätigt, egal, ob er sich zuvor die Hände gewaschen hat oder nicht. Das mag übertrieben klingen, ist aber ein grundsätzliches und weit verbreitetes Hygiene-Problem. Speziell bezüglich EHEC und vergleichbarem gilt: gerade auch nach der Verarbeitung von rohem Fleisch und Gemüse sollten die Hände gewaschen werden.

Auch Obst und Gemüse sollten grundsätzlich vor der Zubereitung gründlichst abgewaschen werden. Das gilt nicht nur für „gespritztes“ und potentiell von vielen Menschen berührtes Grünzeug aus dem Supermarkt, sondern gerade auch für Bio-Produkte da hier wesentlich stärker Tierdung als Düngemittel zum Einsatz kommt.

Und letztlich gilt: Die Nahrungsmittel sollten nach Möglichkeit gut gekocht werden. Nicht nur kurz angewärmt, sondern zehn Minuten auf 70 Grad (auch innen) erhitzt werden um potenzielle Erreger abzutöten. Auch die Pasteurisierung von Milch und Fruchtsäften dient genau diesem Zweck mit dem Nebeneffekt, dass die Produkte auch länger haltbar werden. Dolle Sache, was?

Das ist alles. Mehr ist nicht nötig um den Schutz gegen EHEC zu optimieren. Und auch gegen viele andere Dinge, denn das sind grundsätzlich immer sinnvolle Maßnahmen.

Aber wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten aufschreien, das sei ja eine Verschwörung der Seifenindustrie gegen Rohkostler…

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