Hundertzwölf!

Posted on 23. November 2010

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Es gibt da einen herrlichen Sketch, ich glaube mit Dieter Krebs und Iris Berben, in dem ein altes Ehepaar angesichts eines Feuers überlegt, was denn nun zu tun ist. Sie erinnert sich, wie es früher war. Da habe man mit einem lauten „Feurio!“ um Hilfe gerufen. Er wiederum, sich darauf berufend, dass sich die Zeiten seit damals geändert haben, besteht darauf dass man nun die 112 (an-)rufen müsse. Der Sketch gipfelt darin, dass beide zusammen am Fenster stehen und die Wette „Feurio!“ und „Hundertzwölf!“ rufen.

Der Sketch zieht seinen Reiz aus der offensichtlichen Absurdität, dass keiner von beiden auf die selbstverständliche und einzig vernünftige Lösung kommt, zum Telefonhörer zu greifen und die Nummer 112 zu wählen. Jedes Kind wüsste, was zu tun ist, nicht jedoch diese beiden.

Szenenwechsel. Zwar auch mit Feuer, aber ohne Pointe:

Man stelle sich vor, man sei Schaffner eines Zuges, in dem ein gefährliches aber von den Fahrgästen bisher unbemerktes Feuer ausgebrochen ist. Nun wäre wohl das sinnvollste, den Zug bald möglichst zum Stehen zu bringen und mit einer Ansage wie „Werte Fahrgäste, wegen technischer Probleme kann dieser Zug leider nicht weiterfahren. Bitte verlassen sie den Zug und folgen sie den Anweisungen.“ die Passagiere aus dem Zug zu treiben.

Weit suboptimaler und vergleichsweise grenzwertig wäre eine Ansage wie „Werte Fahrgäste, der Zug brennt. Schnell alle raus, aber geraten sie dabei bitte nicht in Panik.“.

Völlig behämmert wäre natürlich eine Durchsage wie „Feuer! Rette sich wer kann!“.

Warum schreibe ich das nun hier? Nun, Herr de Maizière hat „Feuer!“ gerufen. Unwesentlich besser war es, eine Variante der zweiten Ansage nachzuschieben. Offenbar sind wir alle in Gefahr und sollen gefälligst Angst haben, aber dann doch irgendwie ohne Angst zu haben. Damit wir das nicht vergessen und unsere Verwirrung darüber nicht nachlässt, wird an allen möglichen und unmöglichen Stellen die Polizeipräsenz in teilweise schwer bewaffneter Form erhöht. Damit wird einem dann auch gleich eine Alternative zur Verfügung gestellt, wovor man noch Angst haben könnte (oder auch nicht oder so).

Ja, man könnte den Eindruck haben, Frau Merkel und Herr de Maizière stehen gemeinsam am Fenster und rufen um die Wette „Feurio!“ und „Hundertzwölf!“, wobei von einigen Zuschauern auf der Straße möglicherweise nicht ganz unberechtigte Zweifel angemeldet werden, ob es in der Wohnung hinter ihnen auch tatsächlich brennt. Und zwar nicht obwohl die beiden da stehen und rufen, sondern nicht zuletzt WEIL sie sich so selten dämlich verhalten.

Schauen wir uns doch die Situation nochmal an.

Da ist ein vorgeblich aus Sicherheitsgründen eingeführter grottiger neuer Personalausweis mit einem gewaltigen Imageproblem. Da sind superduper total sicherheitsrelevante Körperscanner, die irgendwie nicht so recht wollen, wie sie sollen, und auch ein gewaltiges Imageproblem haben. Da sind jede Menge hanebüchener Sicherheitsforderungen, -konzepte und -gesetze inklusive einer vom Verfassungsgericht gekippten Vorratsspeicherung und auf Eis gelegter Netzsperren. Imageprobleme und so. Dann noch ein Volk, das nicht zuletzt in Stuttgart und im Wendland zeigt, dass es sich immer mehr der Kontrolle entzieht, worauf man mit wenig mehr reagieren kann, als mit Demonstration der eigenen Inkompetenz, der Lage Herr zu werden. Das ganze noch gespickt damit dass man von der gerade überstandenen Wirtschaftskrise in die Euro-Krise schlittert. Ihr wisst schon: Imageprobleme…

Da liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass es sehr verlockend erscheinen kann, auch mal Feuer zu rufen, obwohl es möglicherweise gar nicht brennt. Um so mutiger oder dümmer, es auch tatsächlich zu tun, ganz egal, ob die Gefahr konkret, eingebildet oder gar nur behauptet ist.

Versuchen wir mal so etwas wie Fairness und fragen, wie eine mögliche Alternative hätte aussehen können. Was wäre wenn man nicht gewarnt hätte und doch etwas passiert? Klar dann würden sehr schnell alle kreischenderweise fragen, wer was wann wusste und warum er nichts gesagt hat. Schließlich habe das Volk ja ein Recht, über Gefahren informiert zu werden.

Wie mans macht, macht mans also falsch und hat auf jeden Fall ein Terrorgate, entweder eines mit echten Bomben oder eines mit Attrappen. Elende Zwickmühle. Aber läge es damit nicht nahe, einfach so lange wie möglich einfach die Klappe zu halten?

Zumal eines jedem Kind klar sein dürfte: Menschen zu sagen, sie sollen nicht in Panik verfallen, ist, wie jemanden aufzufordern, nicht an Eisbären zu denken. Es ist der sicherste Weg, genau das Gegenteil zu bewirken. Denn warum sollte dazu aufgefordert werden, Ruhe zu bewahren, wenn es nicht einen guten Grund gibt, eben genau jene zu verlieren?

Ja, warum? Cui bono? Wem nützt es? Wer hat einen Vorteil davon? Standardfrage der Verschwörungstheoretiker und ebensolche Theorien sprießen zu derartigen Anlässen dann auch allerorten in erheblichen Umfang aus dem Boden. Vermutungen, man wolle nur das Volk ruhigstellen, indem man es durch Angst lähmt, bei der Gelegenheit gleich noch ein Paar Sicherheitsvorhaben neu rechtfertigen und die Menschen von der nächsten auf sie zurollenden Finanzkrise ablenken.

Doch die Frage „Cui bono?“ sollte nie gestellt werden, ohne auch Hanlons Rasiermesser zu zücken:

Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist.

Und dumm oder zumindest unglücklich erscheint Herrn de Maizières Feuer-Ruf bei näherem Hinsehen recht schnell, denn dann verschwinden alle zuvor erdachten Vorteile und übrig bleibt womöglich nur des Innenmministers eigene Angst, die er dann der Bevölkerung ein- und im gleichen Atemzug wieder auszureden versucht.

Sie ist Ausdruck einer Kopflosigkeit, die vielleicht gerade Menschen in seiner Position leicht ereilen kann, denn wer sich mit der Sicherheit eines ganzen Volkes auseinandersetzen muss, wird schnell zu der Erkenntnis gelangen, dass alle Sicherheitskonzepte versagen müssen, wenn Terroristen egal ist, was mit ihnen selbst passiert. Blöderweise ist genau das eine Eigenschaft, die unter Terroristen als recht weit verbreitet betrachtet werden kann. Fehlt nur noch die Erkenntnis, dass das nicht nur auf bestehende sondern auf angedachte Sicherheitskonzepte zutrifft und dass auch Warnungen nichts dran ändern können.

So verbleiben als einzige, die tatsächlich davon profitieren eben jene, vor denen gewarnt wird. Ja, diesen wird sogar noch Arbeit abgenommen, wenn man sich sofort volltintet, wenn auch nur die Rede davon ist, dass eine Gefahr möglicherweise bestehen könnte. Erfolg, ohne aktiv werden zu müssen. Was will man mehr?

So offenbart sich eine neue Zwickmühle. Denn was auch immer nun passiert, Herr de Maizière kann keinen Erfolg vorweisen. Nicht, wenn es tatsächlich einen Anschlag geben sollte, aber eben auch nicht, wenn überhaupt nichts passiert. Denn dann wurde kein Anschlag verhindert, es war schlicht keiner mehr nötig.

Tatsächlich sollte man sich weder wundern noch freuen, wenn überhaupt nichts passiert. Wenn Anschlagspläne so weit fortgeschritten sind, dass Gefahren so konkret sind, wie behauptet, kann man nicht ohne weiteres davon ausgehen, dass sie einfach nicht umgesetzt werden weil sich Hindernisse auftun oder es Warnungen gab. Zumal die Hindernisse in Form von Sicherheitsmaßnahmen kalkulierbar sind.

Grund, Anschlagspläne nicht umzusetzen, wäre vielmehr, dass sie keinen Profit mehr versprechen. Der einzige Profit, den sich Terroristen von ihren Aktionen nun aber versprechen können, ist Angst. Pure nackte Angst. Wenn vor konkreten Anschlägen gewarnt wird, die niemals kommen, und dass ist in regelmäßigen Abständen immer wieder der Fall, bedeutet das aller Wahrscheinlichkeit nach also nur, dass wir bereits genug Angst haben. Es kann nicht schlimmer werden. Was wir jetzt an Angst erleben, lässt sich nicht mehr steigern.

Bliebe als einziges übrig, was dadurch das wahrscheinlichste Szenario sein könnte. Es wird irgendwo irgendeine Bombe gefunden werden. Es werden irgendwo irgendwelche Leute verhaftet werden. Man wird uns erzählen, wie knapp wir der Gefahr entkommen sind. Später wird sich wahrscheinlich zeigen, dass sich die Terroristen grottendoof angestellt haben. All das nicht zum ersten Mal.

Es mag stimmen oder auch nicht, es ist egal. Es ist egal, ob es Terroristen gibt, ob es Bomben gibt, ob es eine echte Gefahr gibt, auch diese Meldung wäre kein Erfolg. Sie zeigt nur, dass alle bestehenden Sicherheitsmaßnahmen ausreichen, dass wir keine Angst zu haben brauchen. Das alles ist, wie gehabt, und niemals anders war.

Alles bis auf eines. In Anbetracht des zuvor gesagten könnte eine solche Erfolgsmeldung paradoxerweise die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Anschläge erhöhen. Eben weil der vermeintliche oder echte Erfolg uns die Angst nimmt.

Wie mans dreht und wendet wird aus dem Terrorgate keine Erfolgsgeschichte. Nicht zuletzt auch deshalb, weil es eine Warnung gab. Arschkarte.

Was also tun? Angst haben, damit wir uns sicher fühlen können geht irgendwie nicht. Können wir uns womöglich nur aussuchen, wovor und vor wem wir Angst haben? Vor Terroristen, vor Politikern mit terrorinduzierter Überwachungsgeilheit, vor bedrohlich wirkenden Polizisten, die eigentlich für unserer Sicherheit da sein sollen…

Angst zu haben bedeutet, Kontrolle abzugeben. Kontrolle über das eigene Leben. Man gibt ein gewaltiges Stück Selbstbestimmung auf. Sich eine solche Kontrolle über Dich anzueignen, steht niemandem zu. Nicht Terroristen, nicht Politikern. Also lass es nicht zu.

Das mag nicht immer so einfach sein, wie es sich sagen lässt. Aber das ist auch in anderen Situationen der Fall. Von Kindesbeinen lernen wir, was wir tun sollen, wenn es irgendwo brennt. Zeit, das auch im Erwachsenenalter anzuwenden, wenn jemand wild „Hundertzwölf!“ in die Gegend ruft. Besonnen. Ohne Panik. Ohne Hysterie.

Ohne Angst.

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