Homöopathie VI – Klarmachen zum Ändern

Posted on 16. Juli 2010

10



Im Laufe dieser Reihe ging es um viele Dinge. Darum, was Homöopathie ist und wie sie wirken soll. Darum, dass sie nicht hält, was sie verspricht und was von den scheinbaren Argumenten für die Homöopathie zu halten ist. Und auch darum, warum es durchaus sehr problematische Aspekte der Homöopathie gibt.

Jetzt zum Schluss gilt es, sich der Frage zu widmen, warum das ganze hier steht und warum es ein Thema für die Piraten sein könnte oder sollte.

Es lässt sich erkennen, dass das Thema Homöopathie drei große politische Themenfelder berührt: Gesundheitspolitik, Verbraucherschutz und Bildungspolitik. Im ersten davon haben sich die Piraten auf Bundesebene noch nicht umfassend und klar positioniert. Ob nun ausgerechnet dieses Thema da ein Einstieg sein sollte oder könnte, wird sich zeigen. Verbraucherschutz beginnt gerade sich als ein neues Thema der Piraten zu etablieren und Bildungspolitik ist bereits Kernthema. Nehmen wir uns diese drei Themenfelder in umgekehrter Reihenfolge einmal vor.

Es ist meines Erachtens dringend erforderlich, dass ins Bewusstsein der Bevölkerung dringt, dass Homöopathie im Leistungskatalog von Ärzten genau das Gegenteil dessen ist, als was sie heute vielfach wahrgenommen und betrachtet wird. Sie ist kein Qualitätskriterium, sondern das Gegenteil eines solchen.

Bei einem Arzt, der homöopathische Behandlungen anbietet, trifft genau eine von zwei Möglichkeiten zu: 1. er glaubt daran, 2. er glaubt nicht daran.

Wenn er daran glaubt, dann, ein so hartes Urteil ist gerechtfertigt, ist sehr stark zu hinterfragen, wie dieser Mensch es geschafft hat, ein wissenschaftliches Studium mit Abschluss zu bestehen. Denn kaum etwas widerspricht zum einen der Wissenschaftlichkeit und zum anderen den Ausbildungsinhalten eines Mediziners mehr, als die Homöopathie es tut. Hier muss schon im Vorfeld einiges schief gelaufen sein.

Wenn er jedoch nicht daran glaubt, dann macht er sich etwas schuldig, das in anderen Zusammenhängen ohne jeden Zweifel als Betrug betrachtet und auch so bezeichnet werden würde. Die zwischen Arzt und Patient notwendige Vertrauensbasis wäre damit faktisch nicht existent.

Damit dies aber allgemein (und auch von zukünftigen Ärzten) auch so erkannt wird, ist eine umfassende Bildung und ein solides naturwissenschaftliches Basiswissen notwendig. Dies ist jetzt bereits Ziel und Zweck der schulischen Lehrpläne, aber irgendwo scheint es zu haken. Dabei ist vor allem auf eines stärkeres Gewicht zu legen: eine bessere und nachhaltigere Vermittlung wissenschaftlicher Basisprinzipien. Oder anders formuliert: die Vermittlung einfacher Werkzeuge, um sinnvolles von unsinnigem Unterscheiden zu können.

In der Diskussion mit Homöopathen im Speziellen und Esoterikern im Allgemeinen zeigt sich vielfach, dass es an der Kenntnis solcher Werkzeuge mangelt, dass einfach grundlegendes Basiswissen darüber fehlt, wie Wissenschaft funktioniert. Dies zu vermitteln haben die Schulen in diesen Fällen nicht geschafft oder auch vielfach gar nicht erst versucht. Doch so passiert es später, dass Menschen beispielsweise Astronomie und Astrologie nicht unterscheiden können und letztere für eine Wissenschaft halten oder dass sie Homöopathie als der echten Medizin mindestens gleichwertig betrachten.

Dies ist nun kein Problem, das allein die vielfach abwertend als bildungsfern bezeichneten sozialen Schichten betrifft. Auch viele Gymnasiasten gehen mit einem Abitur in der Tasche in die Welt, ohne diese Prinzipien erlernt zu haben. Die Ergebnisse dessen, dass diese dann auf die Idee kommen, Medizin zu studieren, sehen wir an der aktuellen Situation.

Statt aber diese Prinzipien zu vermitteln, fördern manche Bildungseinrichtungen derartige Fehleinschätzungen sogar noch, weil sie sich einem falsch verstandenen Pluralismus verpflichet fühlen. Und das nicht nur an zum Beispiel anthroposophisch ausgerichteten Schulen, die im Kern grundlegend esoterikbasiert sind. Ein aktuelles Beispiel stammt aus Österreich von der Uni Wien, wo im Rahmen der Kinderuni eine Einführung in die traditionelle chinesische Medizin gegeben wurde. Inklusive ihrer esoterischen Vorstellungen und Quacksalbereien.

Hier ist ein Umdenken erforderlich und ein Feinschliff der Lehrpläne zu erarbeiten. Klingt nach einer Kleinigkeit, dürfte aber möglicherweise kein allzu leichter Akt werden.

Besser sieht es da möglicherweise beim Verbraucherschutz aus.

Warum sollten auf homöopathischen Mitteln Wirkstoffe angegeben werden dürfen, die faktisch nicht vorhanden sind und von denen sogar auch die Homöopathen selbst zugeben dass der Akt der Verdünnung zum Nichtvorhandensein geführt hat? Warum sollten sie, wenn sie denn schon angegeben werden, dort in unverständlicher Form stehen? Wenn Hundekot der Wirkstoff sein soll, dann soll er, wenn überhaupt, auch genau so angegeben sein und nicht in lateinischer Form, die allein zur Verschleierung geeignet ist.

Auch sollten keine Wirkungen angegeben werden dürfen, die nicht zu erwarten sind. Dies wäre in anderen Zusammenhängen jederzeit als unlauterer Wettbewerb, wenn nicht gar als Betrug zu werten. Wenn ein Joghurt-Drink nicht nachweislich die Abwehrkräfte stärkt, darf auch nicht damit geworben werden, er täte es. Warum sollte dann aber für geschütteltes Wasser und Zuckerkugeln mit Wirkungen geworben werden dürfen, die nicht nachgewiesen werden konnten und nicht nachweisbar sind?

Jenseits Deutschlands geht dies sogar teilweise soweit, dass Ärzte sich den Placeboeffekt jenseits von Wirksamkeitsstudien (selbst dann, wenn es angebracht wäre) nur mit der Einschränkung zu nutzen machen dürfen, dass sie ihren Patienten sagen müssen, dass sie ein Placebo erhalten, hingegen beim Einsatz homöopathischer Mittel das Blaue vom Himmel versprechen dürfen.

Verbraucherschutz muss hier auch ganz besonders Kinderschutz bedeuten. Es muss gewährleistet sein, dass Kinder grundsätzlich und ausschließlich nachgewiesen wirksam behandelt werden. Alles andere ist wahlweise Vernachlässigung oder Misshandlung.

Verbraucherschutz und Gesundheitspolitik sind in solchen Fällen nur schwer zu trennen, da in letzterer die Ursache für die Probleme zu suchen ist. Schauen wir uns die Lage in Deutschland einmal an.

Im Arzneimittelgesetz gilt die Homöopathie zusammen mit antroposophischer Medizin und Phytotherapie als sogenannte besondere Therapierichtung. Das Besondere bei den Arzneimitteln dieser Therapierichtungen ist nun, dass für sie einige Einschränkungen echter Medizin nicht gelten. Soweit die Mittel zulassungspflichtig sind, ist für diese Zulassung der jeweilige Binnenkonsens der Therapierichtungen zu berücksichtigen.

Das bedeutet nun unter anderem folgendes:

Will man für ein echtes Medikament eine Zulassung erwirken, muss seine Wirksamkeit in entsprechenden Studien wissenschaftlich nachgewiesen sein. Dann wird der erwartete Nutzen gegen das zu erwartende Risiko (z.B. durch Nebenwirkungen) abgewogen. Steht das ganze in einem einem angemessenen Verhältnis zueinander, ist damit die wichtigste Hürde auf dem Weg zur Zulassung genommen.

Den Binnenkonsens der besonderen Therapierichtungen zu berücksichtigen führt nun aber dazu dass diese Hürde in dieser Form nicht mehr existent ist. Denn für die Bewertung der Wirksamkeit gelten maßgeblich Erfahrung und Ansichten innerhalb dieser Therapierichtungen. Salopp gesagt: Wenn innerhalb der Therapierichtung der Konsens gilt, dass ein Mittel wirksam ist, ist das hinzunehmen, ganz egal, was wissenschaftliche Wirksamkeitsprüfungen diesbezüglich sagen. Gerade auch im Fall der Homöopathie hat man damit dann eine behauptete Wirkung und in Ermangelung wirksamer Bestandteile keinerlei direkte Nebenwirkungen. Das ist dann ein ganz fantastisches Risiko-Nutzen-Verhältnis und die Hürde damit genommen.

Bei der Neuformulierung des Arzneimittelgesetzes 1976 und der Aufnahme der besonderen Therapierichtungen in dieser Form, sah man sich einem Wissenschaftspluralismus verpflichtet. Nun ist zumindest Theorienpluralismus in einem gewissen Rahmen eine gar nicht mal schlechte Sache. Er kann dazu beitragen, den aktuellen Stand der Wissenschaft nicht als in auf ewig in Stein gemeißeltes unantastbares Dogma zu betrachten und so Weiterentwicklung und wissenschaftlichen Fortschritt fördern. Diesen Zweck kann er aber nur erfüllen, wenn es sich bei den konkurrierenden Ideen nach dem jeweils aktuellen Kenntnisstand auch um echte Wissenschaft handelt. Theorienpluralismus kann und darf jedoch nicht Wissenschaftspluralismus in der Form bedeuten, an unwissenschaftlichen Irrwegen ohne Hand und Fuß festzuhalten.

Während man die Homöopathie mit dem Status der besonderen Therapierichtung unangemessen und unnötig aufwertete, hat man der Phytotherapie damit einen Bärendienst erwiesen. Letztere ist die einzige echte Naturheilkunde unter den drei besonderen Therapierichtungen. Nun wurde auch mit Heilpflanzen schon immer allerlei Quacksalberei betrieben. Dennoch handelt es sich dabei um die Anwendung echter und vorhandener natürlicher Wirkstoffe mit wissenschaftlich überprüfbaren Wirkungen. Anstatt den sinnvollen und nützlichen Umgang damit zu stärken hat man nun aber durch die Beseitigung erzwungener und dafür notwendiger Wissenschaftlichkeit dem esoterisch-pseudowissenschaftlichen Schabernack damit mehr denn je Tür und Tor geöffnet.

Das ganze zeigt auch auf, warum hinter der aktuellen Debatte und der Idee, Homöopathie als Kassenleistung zu streichen, eben nicht, wie von einigen Verschwörungstheorien nicht abgeneigten Homöopathen vermutet und behauptet, eine Verschwörung der Pharmalobby steckt und warum sich im Gegenteil Pharmaverbände und Arneimittelhersteller hier auf Seiten der Homöopathen positionieren. Arzneimittel mit praktisch gegen Null gehenden Entwicklungskosten, keine langwierigen Wirksamkeitsüberprüfungen und ein Produkt, das einem ob der behaupteten Wirkung zu fast jedem Preis aus den Händen gerissen wird: welcher Hersteller würde da nicht von träumen?

Hier durch eine Neuformulierung des Arzneimittelgesetzes Abhilfe zu schaffen ist aber erst die halbe Miete.

Auch wenn die Zahl der Ärzte, die sich der Homöopathie verschreiben rasant zunimmt, findet die Verbreitung der Homöopathie und ähnlicher esoterischer und pseudowissenschaftlicher Therapieformen hauptsächlich hauptsächlich über Heilpraktiker statt. Unter der Bezeichnung des Heilpraktikers sind durch das Heilpraktikergesetz all jene zusammengefasst, die irgendeine Form von Heilkunde ausüben dürfen, ohne eine Zulassung als Arzt zu haben. Bezüglich der Heilpraktiker ist die Situation grotesk.

Weder gibt es eine einheitlich geregelte Form der Ausbildung noch irgendeine Form von Prüfungsordnung. Die Zulassungsvoraussetzungen sind derartig niedrig angesetzt, dass nahezu jeder den Beruf ergreifen kann. Für die Zulassung wird lediglich rudimentäres medizinisches Basiswissen abgefragt und geprüft, ob der den Heilpraktikerstand anstrebende eine unmittelbare Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Im Klartext heißt das: er muss sich grob mit dem menschlichen Körper auskennen, Hygienevorschriften kennen und wissen, wann er jemanden eigentlich zu einem richtigen Arzt schicken müsste.

Ist die Zulassung einmal erteilt hat der Heilpraktiker dann einen Freibrief, nahezu jede beliebige Therapieform anzuwenden, ganz egal, wie esoterisch und pseudowissenschaftlich sie ist, und auch Eingriffe chirurgischer Art vorzunehmen. Dabei ist er zwar durch die Auflage eingeschränkt, dass er keine Wirksamkeit seiner Methoden behaupten darf, die nicht wissenschaftlich belegt ist, doch ist dieser Patientenschutz eher theoretischer Natur. Zum einen braucht er keine unbewiesenen Wirksamkeitsbehauptungen aufzustellen, wenn der Patient eh schon von einer Wirksamkeit ausgeht (auf faktische Unwirksamkeit einer Behandlung muss er nicht hinweisen), zum anderen findet eine Überprüfung seiner Methoden erst statt, wenn ein Schadensfall eintritt und eine Strafanzeige oder Zivilklage gegen ihn vorliegt.

Dass es diesen Berufszweig (vor allem auch in dieser Form) überhaupt gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. In der Schweiz gibt es ihn nur in eingeschränkterer Form (dort dürfen Heilpraktiker zum Beispiel keine chirurgischen Eingriffe vornehmen) und in Österreich gibt es ihn nicht nur gar nicht, sondern dort wäre es sogar strafbar, sich auch nur so zu nennen.

Einzige Grundlage für die Existenz dieses Berufsstandes in Deutschland ist das Heilpraktikergesetz und dieses war groteskerweise dazu geschaffen worden, den Beruf des Heilpraktikers abzuschaffen. Lange Zeit durfte sich im Deutschen Reich prinzipiell jeder wie er wollte als heilkundig bezeichnen. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden dann alle bereits existierenden Heilpraktiker-Verbände in einem gemeinsamen Verband gleichgeschaltet und der Beruf des Heilpraktikers gesetzlich geregelt. Allerdings enthielt das Gesetz ein komplettes Ausbildungsverbot und es war beabsichtigt, einfach keine neuen Zulassungen mehr zu erteilen.

Mit Gründung der Bundesrepublik blieb dieses Gesetz aber bedauerlicherweise in Kraft, während das Bundesverfassungsgericht das enthaltene Ausbildungsverbot für verfassungswidrig erklärte. Dadurch wurde die rechtliche Grundlage für Quacksalberei überhaupt erst geschaffen. In Österreich, aber auch in der DDR beging man diesen Fehler nicht. Während im Westen Esoterik und Quacksalbertum nicht zuletzt auch durch die New-Age-Bewegung auch in den 80ern immer neue Blüten erlebte, gab es 1989 in der DDR noch ganze 11 zugelassene Heilpraktiker.

Diesen Patzer wieder auszubügeln und neue Regelungen zu schaffen, ist mehr als überfällig.

Das sind sie also, die Rahmenbedingungen und Ansatzpunkte. Der die aktuelle Debatte auslösende und mittlerweile wieder zurückgesteckte Vorstoß der SPD wäre ein kleiner, aber dadurch nicht unbedeutender Schritt in die richtige Richtung. Wünschenswert wäre es dabei, die Homöopathie nicht einfach nur als potentielle Kassenleistung zu streichen, sondern die fundamentale Basis derartiger Ideen, die besonderen Therapierichtungen, wieder aus dem Arzneimittelgesetz zu heraus zu nehmen. Wenn man aber die Homöopathie als Kassenleistung streicht, ist nicht einzusehen, warum sonstige Heilpraktiker-Leistungen auf Basis vergleichbarer Sondertarife weiter von Kassen übernehmbar sein sollten.

Das bedeutet weder ein Verbot der Homöopathie, wie es viele befürchten, noch eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung. Im Gegenteil. Dies wäre geeignet, die Qualität der medizinischen Versorgung deutlich zu verbessern. Und jeder, der dies möchte, wird sich auch weiterhin Wasser und Zucker einwerfen können, wie er lustig ist, rituell geschüttelt oder zur Limonade verrührt. Er wird dann aber die Kosten dafür, ganz so, wie es sein sollte, selbst tragen müssen.

Diese meines Erachtens sinnvollen und notwendigen Dinge zu erarbeiten und umzusetzen, wird für uns Piraten vielleicht ein ziemlicher Akt sein. Was aus diesen Ideen wird und ob das ganze in der Piratenpartei mehrheitsfähig ist, wird die Zeit zeigen.

Ich für meinen Teil wäre recht froh, wenn es auch hier hieße: Klarmachen zum Ändern.

Oder wollt ihr irgendwann in solche Notaufnahmen kommen wie in diesem schönen Video? 😉

Advertisements