Homöopathie V – Das Problem dabei

Posted on 15. Juli 2010

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Immer wieder mal muss ich mich fragen lassen, warum mich „dieser Homöopathiekram“ denn eigentlich stört und in Aufregung versetzen kann. Auch in der aktuellen Debatte ist vergleichbares immer wieder Thema und darum soll es heute gehen. Dieser Artikel fällt dabei möglicherweise ein wenig aus dem Rahmen. Denn so sehr man es bei allen Punkten in den anderen Artikeln auch vermeiden kann, lässt sich hier nicht verhindern, dass dieses Thema auch emotional besetzt ist.

Darüber hinaus hatte der Artikel ursprünglich eine andere Form. Ich habe mit dem Schreiben dieser Reihe begonnen, bevor die aktuelle Debatte auch nur zu erahnen war. Bei den anderen Artikeln war es nicht nötig, da sich diese grundlegender mit dem Gedankengebäude hinter der Homöopathie befassen, aber bei diesem habe ich leichte Anpassungen vorgenommen, um der aktuellen Debatte gerecht zu werden.

Also: Warum ist Homöopathie nicht nur nutzlos, sondern auch auf verschiedene Weise schädlich, wenn nicht gar gefährlich?

Eines dieser Probleme habe ich am Ende des vorherigen Artikels bereits angedeutet. Es ist nun eben nicht so, dass die Homöopathie harmloser Kram ist, der ergänzend zu echten Medikamenten genommen werden kann und wenn schon nichts nützt, dann zumindest nicht schadet.

Auch, wenn die meisten Befürworter der Homöopathie es nicht gerne hören oder wahrhaben wollen, schließen Homöopathie und echte Medizin einander aus. Das sind völlig verschiedene Gedankengebäude, von denen nur eines stimmen kann, weshalb das jeweils andere strikt abzulehnen ist.

Aus Sicht eines echten Mediziners könnte man dabei prinzipiell tatsächlich sagen „Na und? Die Dinger haben ja keine Wirkung. Soll man sie halt nebenher nehmen.“. Nicht jedoch aus Sicht des Homöopathen.

Wer die Homöopathie ernst nimmt, muss streng genommen die gesamte echte evidenzbasierte Medizin ablehnen. Soweit unterscheidet sich das nicht vom richtigen Arzt. Während dieser jedoch sagen kann „Na und?“ kann dies der Homöopath nicht. Zum einen, weil die herkömmliche Medizin grundsätzlich als schlechter oder gar schädlich betrachtet wird, zum anderen, weil eben die Wechselwirkung mit echten Medikamenten die Wirkung der Homöopathika aufheben soll. (Das Äquivalent wäre, dass homöopathische Mittel die echten Medikamente in ihrer Wirkung beeinträchtigen; dann könnte auch ein Arzt nicht mehr einfach „Na und?“ sagen). Demnach muss ein Homöopath die Homöopathie nicht nur bevorzugen, er muss auch ausdrücklich von der Verwendung echter Medikamente abraten.

Das mag man jetzt mit Blick auf die zunehmende Zahl der Ärzte, die beides anbieten, für weit hergeholt halten. Ist es jedoch nicht. Es zeigt nur, dass die entsprechenden Ärzte die Homöopathie nicht ernst nehmen (sie aber aus finanziellen Gründen anbieten) und/oder weder gute Homöopathen noch gute Ärzte sind.

So kennt die Homöopathie keinerlei Mikroorganismen als Krankheitserreger. Jegliche Form von Impfung oder Behandlung mit Antibiotika wäre damit als unsinnig und nutzlos abzulehnen. Klar, nun könnte man sagen „Selbst schuld, wer drauf reinfällt.“. Aber aus zwei Gründen geht das nicht.

Zum einen ist es einigen Menschen nicht genug, nur die Heimat mit ihrem esoterischen Wohlstands-Hokuspokus zu beglücken (was wohl nicht zuletzt auch daran liegt, dass der Markt hier relativ gesättigt ist). Diese Reisen dann unter dem Namen „Homöopathen ohne Grenzen“ in die ganze Welt, bevorzugt in Krisen- und Katastrophengebiete oder auch in Entwicklungs- und Schwellenländer, um dort ihre Heilslehre zu verkünden und den Menschen beizubringen, Homöopathie zu nutzen.

Nochmal deutlich:

Westliche Wohlstands-Esoteriker reisen in von AIDS und Tropenkrankheiten geplagte Länder mit meist extrem mangelhafter medizinischer Versorgung um dort Menschen, die oft genug nicht einmal lesen können, beizubringen, sie seien auf keine medizinische Versorgung angewiesen und könnten statt dessen rituell geschütteltes Wasser als Universalheilmittel nutzen.

Und zwar nicht nur bei kleinen Wehwehchen, sondern Beispielsweise auch bei Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, ausser Acht lassend, dass diese in den entsprechenden Regionen oftmals wesentlich fatalere Folgen haben können, als man sich in der westlichen Wohlstandgesellschaft vorzustellen vermag. Auch bei Malaria, bei anderen Tropenkrankheiten und gar bei HIV-Infektionen (die es ja nach streng homöopathischer Vorstellung nicht geben kann).

Diesen Menschen wird eingeredet, dass Wasser und Zuckerpillen alles heilen können. Wobei natürlich nach strenger homöopathischer Lehre auch die teilweise funktionierende und etablierte echte Naturheilkunde abzulehnen ist. Und wie sehr werden diese Menschen dann später noch echte medizinische Versorgung akzeptieren, wenn sie erst einmal ausreichend zur Verfügung steht, nachdem sie schon einmal verarscht und unnötig ins gesundheitliche Elend getrieben wurden?

Die Homöopathen ohne Grenzen hingegen betrachten dies als wertvolles soziales Engagement und wünschen, hierzulande dafür gefeiert zu werden.

Ja, genau: Das ist widerlich.

Zum anderen bedeutet es aber auch: Kinder von überzeugten Homöopathen werden oftmals nicht geimpft. Nicht gegen Polio, nicht gegen Masern, nicht gegen Röteln nicht gegen sonstwas. Und wenn sie erkranken bekommen sie auch keine Antibiotika und keine Schmerzmittel. Statt dessen bekommen sie wirkungslose Zuckerkügelchen. Ganz egal, wie sehr sie sich quälen, ganz egal, wie gefährlich das ist, und ganz egal, was das für Folgeschäden mit sich bringen kann. Ein Erwachsener könnte es sich jederzeit anders überlegen, wenn es ihm zu viel wird. Ein Homöopathen-Kind hat diese Möglichkeit nicht.

Sehr häufig geschieht dies zum Beispiel im Zusammenhang mit Mittelohrentzündungen bei Kindern. Immer mehr Eltern neigen dazu, diese homöopathisch behandeln zu wollen, nicht selten auch auf Anraten homöopathisch ausgebildeter Ärzte. Zu den Folgen derartiger faktischer Nichtbehandlung zählen unter anderem Dinge wie Hörschäden, Mastoiditis oder gar Meningitis.

Auch die Ablehnung von Impfungen führt nicht nur dazu, dass die entsprechenden Krankheiten unnötig verstärkt auf dem Vormarsch sind, sondern mit ihnen auch die jeweiligen Folgen entsprechendender Fehl- bzw. Nichtbehandlungen.

Dass sich unter Homöopathen verstärkt die Ansicht verbreitet, auch Krebs sei rein homöopathisch zu behandeln, sollte Alarmglocken klingen lassen. Wir sollten nicht nur aus dem Fall Pilhar im Zusammenhang mit der Germanischen Neuen Medizin eigentlich gelernt haben.

Kinder sind ihren homöopathie- und esoterikgläubigen Eltern viel zu schutzlos ausgeliefert. Und schon jetzt bleibt dies allzu oft nicht ohne nachhaltige Folgen.

Ja, genau, auch hier gilt: Das ist widerlich.

So sieht die Realität der ach so sanften Homöopathie aus.

In der aktuellen Debatte geht es hauptsächlich um Kosten. Da werden die Kosten homöopathischer Behandlung denen einer echten medizinischen Behandlung gegenübergestellt, wahlweise um zu zeigen dass Homöopathie besonders günstig oder besonders teuer ist. In fast allen diesen Rechnungen bleiben viele Punkte unberücksichtigt.

Wenn man schon von Kosten redet, dann bitte nicht nur über Behandlungskosten, sondern auch über die Kosten der Folgen, die sich aus der Falsch- und Nichtbehandlung ergeben, die Kosten für sinnlose und überflüssige Forschungen auf dem Gebiet der Homöopathie, die Kosten für homöopathische Lehrstühle, die Kosten für homöopathische Ausbildung.

So manche dieser Kosten gehen zu Lasten der Allgemeinheit, ohne dass die meisten auch nur etwas davon ahnen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass man sich per Bildungsgutschein zum Homöopathen ausbilden lassen kann? Zum Zeitpunkt der Artikelentstehung listet das KURSNET der Bundesagentur für Arbeit unter dem Suchbegriff „Homöopathie“ 348 mit Bildungsgutschein förderbare Veranstaltungen auf. In einem maroden Sozialsystem, das an allen Ecken und Enden weiter kaputt gespart wird, wird sinnlos Geld verblasen um Leuten beizubringen, rituell Wasser zu schütteln.

Und ganz ehrlich: ganz egal, wie billig Homöopathie ist (wenn sie es denn wäre), ist doch jeder Cent davon ob der schieren Nutzlosigkeit zuviel. Für Homöopathie verschwendetes Geld, egal, wie viel oder wenig, fehlt an anderen Stellen für Dinge, die notwendig und erwiesenermaßen nützlich sind.

Ob homöopathische Leistungen nun nur durch Zusatzbeiträge an die Kassen bezahlt werden oder nicht: die Akzeptanz fördert weiter eine Zweiklassen-Medizin in der Wohlstands-Esoteriker auf Kosten von Brillen und Zahnersätzen der geringer Verdienenden ihren Aberglauben ausleben.

Ganz ehrlich, soviel geballter Irrsinn nervt und schmerzt gewaltig. Aber es ist ja nicht so, dass man dem ganzen völlig hilflos gegenüber stünde. Natürlich kann man aufklären. Dazu habe ich versucht, mit dieser Reihe hier einen klitzekleinen Teil beizutragen. Aber man kann auch ändern. Und spätestens da sollte das ganze auch für Piraten und piratige Politik interessant und relevant werden.

Daher werde ich mich im nächsten Teil mit den aktuellen Rahmenbedingungen rund um die Homöopathie und möglichen Ansatzpunkten auseinander setzen. Und das geht dann auch wieder weniger emotional.

Auch das heutige Video fällt aus dem Rahmen, denn diesmal handelt es sich um ein Homöopathie-Werbevideo. Manche Menschen reagieren ungläubig, wenn man ihnen sagt, dass Homöopathen sich erdreisten zu behaupten, auch Krebs könne rein homöopathisch behandelt und geheilt werden. Genau darum geht es jedoch auf der DVD, aus der dieses Video stammt.

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