Einigkeit und Recht und Freiheit

Posted on 2. Juli 2010

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Selten kann man sie so oft hören, wie dieser Tage: unsere Nationalhymne. Vor jedem Spiel der Nationalmannschaft gehört sie genauso zum Pflichtprogramm, wie bei der Bundesversammlung.

Es ist schon einige Weltmeisterschaften her, dass die damalige Nationalmannschaft in die öffentliche Kritik geriet, weil von ihnen so gar keiner die Hymne singen wollte. Nicht erst bei der letzten WM hat sich das aber geändert und mittlerweile stimmen auch die meisten der Nationalspieler und auch die Mehrzahl der Zuschauer die Hymne an.

Doch noch immer singen nicht alle mit. Dafür mag es die verschiedensten Gründe geben, angefangen damit, dass Singen allgemein oder auch speziell das Singen von Hymnen einfach nicht Jedermanns Sache ist. Das ist in vielen Fällen auch grundsätzlich in Ordnung so.

Im Bereich der Politik erwartet man ein Mitsingen dann schon etwas stärker. Auch und gerade bei der Bundesversammlung. Auch hier kann sicherlich nicht erwartet werden, dass alle immer lautstark mitschmettern. Bei einigen wird man es aber auch als eine Art Pflicht betrachten, beispielhaft voranzugehen. Zum Beispiel beim Versammlungsleiter (dem Bundestagspräsidenten) oder natürlich auch beim Bundespräsidenten.

Bei dieser Bundesversammlung tat sich nun die Mehrheit der Linken durch verstärkte Nichtbeteiligung am gemeinsamen Singen hervor, allen voran die Linke Präsidentschaftskandidatin Lukrezia Jochimsen. Das war vielen nicht entgangen und ein neugieriger Bürger fragte nun auf Abgeordnetenwatch dazu

gestern bei der Bundespräsidentenwahl ist mir aufgefallen, daß Sie die deutsche Nationalhymne nicht mitgesungen haben. Diese Reaktion wirf bei mir die Frage auf, ob Sie so wenig mit dem Land anfangen können und so distanziert zu unsererm Land stehen, daß Sie die Nationalhymne nicht singen. Wenn ja, warum wollten Sie dann das Amt des Bundespräsidenten einnehmen?

Frau Jochimsens Antwort kam direkt heute:

Ich habe die Nationalhymne noch nie mitgesungen, weil ich den gesamten „Kon-Text“, also alle Strophen, für mehr als fragwürdig halte – und den Kompromiss nur besondere Strophen zu singen und andere auszulassen für besonders faul. Was hat das mit dem Amt des Bundespräsidenten zu tun?

Es ist eine Antwort von himmelschreiender Peinlichkeit, die von mangelnder Geschichtskenntnis und mangelndem Geschichtsverständnis zu zeugen scheint, und die der Linken kein gutes Zeugnis ausstellt, wenn sie Frau Jochimsen tatsächlich für zum höchsten Staatsamt befähigt gehalten haben.

Von daher ein wenig Nachhilfe für Frau Jochimsen und all jene, die Möglicherweise mit ihr einer Meinung sind. Schauen wir uns also die Hymne einmal an und sowohl Frau Jochimsens „Kon-Text“, als auch den Kontext, in dem sie entstand.

Die deutsche Nationalhymne, das Lied der Deutschen, stammt, soviel könnte und sollte aus dem Schulunterricht hängen geblieben sein, aus der Feder von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Dieser steuerte jedoch nur den Text dazu bei. Die Melodie ist schon ein Paar Jährchen älter, stammt von Joseph Haydn und wurde zuvor in den österreichischen Kaiserhymnen verwendet.

Nun kann man von Hoffmann von Fallersleben sicherlich nicht sagen, dass er ein überzeugter Demokrat war, auch wenn er vielen als solcher galt und gilt. Ihm ging es maßgeblich um die Einigkeit Deutschlands und ihm war vergleichsweise egal, ob diese nun in einer demokratischen Republik oder einem neuen Kaiserreich vollzogen würde. Natürlich wünschte er sich auch Rechtssicherheit und die Freiheit der Deutschen als Rahmenbedingungen dieser Einigkeit. Doch auch wenn wir diese in einer Demokratie wesentlich stärker verwirklicht sehen, sind sie in dieser Allgemeinheit von der Staatsform vergleichsweise unabhängig.

Um die Einigkeit ging es ihm also, die ja auch ein tragendes Element im Kontext der deutschen Nationalfarben war. Und um diese Einigkeit geht es auch im Lied der Deutschen.

Deutschland, Deutschland über alles,

Über alles in der Welt,

Wenn es stets zu Schutz und Trutze

Brüderlich zusammenhält,

Von der Maas bis an die Memel,

Von der Etsch bis an den Belt –

Deutschland, Deutschland über alles,

Über alles in der Welt!

Diese erste Strophe ist sicherlich die missverstandenste und nicht ganz zu Unrecht die verpönteste der drei Strophen. Dabei ist sie inhaltlich eigentlich recht „harmlos“. Denn tatsächlich geht es hier nicht, wie mancher gern vermutet, darum, Deutschland als über allen anderen Staaten stehend darzustellen und/oder Herrschaftsansprüche über bestimmte Gebiete anzumelden.

Das Deutschland, das in dieser Strophe besungen wird, gab es zu dieser Zeit gar nicht. Es gab nur den Flickenteppich deutscher Klein- und Kleinststaaten, der nach dem Zusammenbruch des alten Kaiserreiches übrig geblieben war. Ein Deutschland als einigen Nationalstaat überhaupt erst zu schaffen, das war das Ziel der von dieser Idee getragenen und diese Idee ging ihnen über alles in der Welt.

Das brüderliche Zusammenhalten zum Schutz und Trutze war zwar vielleicht nicht der einzige, aber sicherlich ein maßgeblicher Grund für diesen Wunsch nach Einigkeit. Die Erfahrung der napoleonischen Kriege hatte aufgezeigt wie hilflos und verletzlich die einzelnen Kleinstaaten gegenüber von außen drohender Gefahren waren. Nur gemeinsam hatte man sich Napoleon in den Weg stellen können.

Das Gebiet, das man dabei geeinigt sehen wollte wird dabei durch die drei Flüsse Maas, Memel und Etsch sowie den Belt, eine dänische Meerenge, eingegrenzt. Diese natürlichen Grenzen umfassen grob, was zu jener Zeit der deutsche Sprachraum war. Die gemeinsame deutsche Sprache war dabei als das identitätsstiftende Hauptmerkmal der Staaten gedacht, die sich brüderlich zusammenfinden sollten. Diese Idee steckt auch eigentlich hinter dem vielzitierten Ausspruch von Deutschland als einem Land der Dichter und Denker. Nicht, weil sich gerade deutsche Dichter und Denker besonders ausgezeichnet hätten oder Deutschland so viele davon hatte, sondern weil eben diese Dichter und Denker und die Sprache, in der sie schrieben und geschrieben hatten, die gemeinsame Identität begründen sollten.

Mittlerweile haben sich die Grenzen des deutsche Sprachraumes verlagert. Gebiete, die damals als deutsch gelten konnten, sind nun nicht mehr deutschsprachig und einige damals wie heute deutschsprachigen Gebiete sind nicht mehr Teil des deutschen Staatsgebietes. Die deutschen Grenzen sind spätestens seit 1990 durch einen Vertrag mit Polen endgültig und unumstößlich festgeschrieben.

So wird diese Strophe heutzutage unter anderem deshalb nicht mehr gesungen, um der Interpretation eines Anspruches auf diese Gebiete vorzubeugen und der vor allem auch um sich der im Nationalsozialismus geförderten Fehlinterpretation zu entziehen, man stelle mit den einleitenden Zeilen Deutschland über andere Staaten. Grundsätzlich gibt es an dieser Strophe jedoch nichts auszusetzen.

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher Sang

Sollen in der Welt behalten

Ihren alten schönen Klang,

Uns zu edler Tat begeistern

Unser ganzes Leben lang –

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher Sang!

Die zweite Strophe kann geeignet sein Belustigung hervor zu rufen. Zu sehr klingt sie in unseren Ohren teilweise nach derbem Kneipengesang. Vielleicht ist diese Vorstellung auch gar nicht mal so abwegig, tatsächlich steckt aber natürlich noch mehr dahinter.

Maßgeblich inspiriert haben zu dieser Strophe sollen Hoffmann von Fallersleben eine unerfüllte Jugendliebe einerseits und ein Lied Walthers von der Vogelweide andererseits. Hoffmanns persönliche Befindlichkeiten ausser Acht lassend, halten wir uns an Walthers Preislied.

Gilt Goethe vielen als der größte deutsche Dichter, steht Walther von der Vogelweide diesem in seiner Bedeutung zumindest für die mittelalterliche deutsche Lyrik in nichts nach, allein schon, was den Umfang seines Werkes angeht. So manchem sollte er auch im Deutschunterricht begegnet sein („Ich saz ûf eime steine / und dahte bein mit beine…“ ;)).

In seinem Preislied nun preist Walther hauptsächlich über alle Maßen die deutschen Frauen und ihre Tugenden. Das ist in sofern nicht überraschend, da die mittelalterliche Lyrik in weiten Teilen Minnelyrik war, von der man genau das erwarten würde. Allerdings nur bezogen auf eine einzelne Frau und nicht auf die Gesamtheit der Frauen. So will das Preislied kein reines Minnelied sein und ist auch sonst eher untypisch für die damalige Lyrik.

Das Preislied ist dabei vor dem Hintergrund zu sehen, dass Walther hier einen Angriff durch einen Franzosen abwehrt, der die Ansicht vertrat, alle Deutschen seien ungebildet und grob und ihre Sprache klinge wie Hundegebell.

In ähnlicher Weise ist auch die zweite Strophe des Deutschlandliedes zu sehen. Deutsche Frauen, Tugenden, Wein und auch Gesang (Dichtkunst) sind eben auch nicht minderwertig sondern entsprechenden Eigenschaften anderer Völker mindestens ebenbürtig. So setzt diese Strophe die Identitätsstiftung der ersten fort und erweitert sie.

Dennoch scheint sie dabei irgendwie aus dem Rahmen zu fallen und nicht zurecht zu einer Nationalhymne passen zu wollen. Aber als solche ist das Lied ja auch primär gar nicht geschrieben. Und trotzdem gilt auch hier: es spräche grundsätzlich nichts dagegen, sie zu singen.

Bei beiden Strophen spräche also zunächst einmal nichts dagegen, sie zu singen. Und entgegen einer weit verbreiteten Ansicht ist und war das Singen dieser Strophen in der Bundesrepublik nie verboten. Ganz streng genommen waren sie möglicherweise zumindest rechtlich sogar von 1949 bis 1991 Bestandteil der Nationalhymne der Bundesrepublik, auch wenn sie nie gesungen wurden.

Ganz offiziell und sicher waren alle drei Strophen nur in der kurzen Zeit der Weimarer Republik Nationalhymne (ab 1922). Und da begannen die Probleme. Deutschland hatte nämlich nach dem ersten Weltkrieg gerade die in der ersten Strophe besungenen Randgebiete abtreten müssen und eine Wiedervereinigung mit Österreich war vertraglich untersagt. So mancher war daher versucht, darin eben das geltend Machen von Ansprüchen auf diese Gebiete zu sehen. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde dann auch eben nicht mehr die ganze Hymne gesungen, sondern nur noch die erste Strophe, die damit bewusst um- und fehlinterpretiert wurde.

Damit ist gerade die erste Strophe natürlich belastet und wenn es denn tatsächlich jemanden geben sollte, der sie im eigentlich gemeinten Sinne sänge, dann gäbe es leider nur sehr wenige, die sie in diesem Sinne hören würden.

Nun hat ja aber von Frau Jochimsen niemand verlangt, die ersten beiden Strophen zu singen. Gesungen wurde auch in der Bundesversammlung nur die dritte Strophe, die spätestens seit 1991 ganz allein die deutsche Nationalhymne ist. Dies ist jedoch weder ein „Kompromiss“, wie Frau Jochimsen meint, noch ist das etwas aussergewöhliches.

Als Beispiel (ja, auch dieses Beispiel wird den Linken nicht gefallen) sei die Nationalhymne der Vereinigten Staaten von Amerika genannt. Das Lied „The Star-Spangled Banner“ hat insgesamt vier Strophen, von denen nur zwei zur Nationalhymne gezählt werden und normalerweise nur eine gesungen wird.

Die dritte Strophe des Deutschlandliedes als Nationalhymne ist kein Kompromiss, sondern vielmehr ist sie einzig sinnvolle Konsequenz der bewegten deutschen Geschichte.

Einigkeit und Recht und Freiheit

Für das deutsche Vaterland!

Danach laßt uns alle streben

Brüderlich mit Herz und Hand!

Einigkeit und Recht und Freiheit

Sind des Glückes Unterpfand –

Blüh im Glanze dieses Glückes,

Blühe, deutsches Vaterland!

Was hier besungen wird sind gänzlich unbelastet genau jene Ideen und Ideale, auf denen Deutschland aufgebaut ist und die uns auch schon die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold bescherten. Und sie muss eben zwingend auch gerade vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte gesehen werden. Vor dem Hintergrund der schmerzvollen Jahre, in denen Deutschland eben nicht einig war und in denen in der einen Hälfte von Recht und Freiheit nicht die Rede sein konnte.

Sich dazu, zu Idealen und Geschichte zu bekennen,und zur Weiterentwicklung und zum Erhalt der Einigkeit, des Rechtes und der Freiheit, das ist es, was von ihnen erwartet wurde, Frau Jochimsen. Dass sie dies nicht konnten und/oder wollten und viele ihrer Genossen mit ihnen, spricht Bände. Ihre Frage, was das mit dem Präsidentenamt zu tun habe, ebenso.

Schämen sie sich, Frau Jochimsen, überhaupt angetreten zu sein.

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Posted in: Allgemeines, Politik