Schwarz-Rot-Gold

Posted on 28. Juni 2010

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Wie auch bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 erleben wir während der aktuellen Weltmeisterschaft eine umfassende „Beflaggung“ Deutschlands. Fahnenmasten, Balkone, Fenster und vor allem auch Autos werden in den verschiedensten Varianten schwarz-rot-gold verziert. Aber es ist auch etwas zu erleben, von dem man nach 2006 ausging, dass es nicht mehr in dieser Häufigkeit und Lautstärke zu vernehmen sein dürfte: Kritik an dieser Beflaggung.

2006 zeigte sich Deutschland in bis dato nie dagewesener schwarz-rot-goldener Farbenpracht. Etwas, das zuvor auch in wesentlich geringerem Ausmaß undenkbar erschien. Und erstmals schien man sich zu fragen: Ja, warum eigentlich auch nicht? Warum sollte man in Deutschland nicht tun, was andernorts eine Selbstverständlichkeit ist?

Natürlich tat man das nicht ohne Kritik. Wahlweise unangemessen oder peinlich sei der schwarz-rot-goldene Schmuck. Er könne ja sogar so etwas wie grundsätzlich unangebrachten Nationalstolz oder ähnliches bedeuten. Doch die Debatten darum waren so kurz und unsinnig, wie sie intensiv waren. Irgendwie wollte man sich dann doch nicht Farben- und irgendwie auch Lebensfreude nehmen lassen.

Eine Zeit lang hielt der Farbenrausch nach der WM noch an, doch bald verschwanden die meisten Flaggen wieder oder wurden ausgetauscht. Zwar sah man schwarz-rot-goldene Flaggen auch danach noch wesentlich häufiger als zuvor an privaten Masten wehen, doch viele ersetzten sie dann doch wieder. Durch die Flaggen ihrer liebsten Fußballvereine oder Urlaubsorte oder auch durch irgendwas anderes, das farblich oder sonstwie einfach besser gefiel.

Nun sind die Flaggen seit einiger Zeit wieder da und mit ihnen die Kritik daran. Sie ist nicht mehr ganz so laut, wie „früher“, aber sie wird immer grotesker. Das geht so weit, dass in Berlin arabischstämmige Mitbürger, die unter anderen Vorzeichen möglicherweise als Musterbeispiele für gelungene Integration gelten könnten, ihre große Deutschlandflagge verteidigen müssen… gegen deutsche Linke…

Nun kann ich Kritik am manchmal übertriebenen Einsatz der drei deutschen Nationalfarben soweit nachvollziehen, dass er manches Mal unästhetisch in Kitsch abzugleiten droht. Ich fände auch Kritik mehr als verständlich, die sich darauf bezieht, dass die Nationalflagge und ihre Farben für viele nichts weiter sind, als ein Fußball-Accessoire. Doch um derartige Dinge geht es den Nörglern gar nicht. Es geht ihnen vielmehr um die Farben an sich, darum, dass es eben „die deutschen Farben“ sind, und dass sie damit grundsätzlich unangemessen oder gar „falsch“ und „böse“ sind.

Warum das unsinnig ist, warum die Farben extrem linken wie extrem rechten gleichermaßen ein Dorn im Auge sind und warum man unter bestimmten Bedingungen mit Schwarz-Rot-Gold meines Erachtens tatsächlich so etwas wie Stolz zum Ausdruck bringen kann, soll und darf, dazu unternehmen wir einen kleinen Kurs zur Geschichte dieser Farben.

Für die Kombination dieser Farben werden in der deutschen Geschichte zwei Ursprünge ausgemacht. Zum einen Wappen und Flagge des alten Kaiserreiches (schwarzer Adler mit rotem Schnabel und roten Fängen auf goldenem Grund), zum anderen in den Uniformen des Lützowschen Freikorps, einer preußischen Freiwilligeneinheit in den napoleonischen Kriegen (schwarze Uniform mit goldfarbenen Knöpfen und roten Aufschlägen an Kragen und Ärmel). Da unter letzteren auch viele Studenten waren, fanden über diese die Farben Einzug in eine neugegründete Studentenverbindung, die Urburschenschaft.

Kaiser, Militär… und dann auch noch Burschenschaft. Das klingt schon sehr rechtslastig. Aber die Urburschenschaft darf man nicht mit der heutigen Sichtweise von Burschenschaften beurteilen. Tatsächlich waren es Rebellen, die Hippies und Punks ihrer Zeit. Sie ließen die Haare lang wachsen und die Bärte sprießen und setzten einen neuen Modetrend.

Hinter der Urburschenschaft steckte die Idee, die regionale Gliederung der Studentenverbindungen durch eine einheitliche Burschenschaft zu ersetzen. Vergleichbar damit sollte dann auch, so das übergeordenete Ziel, die deutsche Kleinstaaterei (der berühmte Flickenteppich) zu einem geeinten deutschen Nationalstaat zusammengeführt werden. Hier finden wir Schwarz, Rot und Gold in der Fahne der Bewegung (schwarz und rot mit goldener Umrandung), die sich zur Flagge des Wartburgfestes 1817 (Rot-Schwarz-Rot mit goldenem Eichenzweig in der Mitte) weiterentwickelte.

Deutschland war nach Auflösung des Kaiserreiches in viele unabhängige Kleinstaaten auseinander gefallen, die sich nach den napoleonischen Kriegen zum sehr lockeren Deutschen Bund zusammengeschlossen hatten, aber weit entfernt davon waren, ein einheitliches oder gar einiges Gebilde zu sein. Dies galt vor allem auch in rechtlicher Hinsicht. Verfassungen hatten die wenigsten dieser deutschen Staaten, von freiheitlichen Verfassungen ganz zu schweigen. So waren Urburschenschaft und Wartburgfest auch Ursprung von Bewegungen, denen eine bloße Einigkeit Deutschlands bei weitem nicht genug war. Man machte sich auch Gedanken dazu, wie dieses geeinte Deutschland aussehen solle. So wurde z.B. der „Deutsche Preß- und Vaterlandsverein“ gegründet, der sich für (damals bei weitem nicht gegebene) Pressefreiheit als eine der Grundlagen eines einigen Deutschlands engagierte.

Ihren Höhepunkt fanden diese Bestrebungen im Hambacher Fest 1832, auf dem 30.000 Menschen verschiedenster Herkunft ihren Forderungen Nachdruck verliehen. Den Forderungen nach Bürgerrechten, Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit und religiöser Toleranz in einem geeinigten demokratischen Deutschland.

Und hier auf dem Hambacher Fest konnte man die Farben Schwarz, Rot und Gold erstmals in beinahe der heute gewohnten Form sehen („beinahe“, weil sie meist noch anders herum, also auf dem Kopf stehend im Wind flatterten). Als Ausdruck des Wunsches nach einem freien und demokratischen Deutschland.

Doch das Hambacher Fest scheiterte. Repressionen, die man eigentlich aus der Welt schaffen wollte, wurden in der Folgezeit noch verschärft, die republikanische Bewegung und die Rufe nach einem in Freiheit geeinten Deutschland kamen praktisch zum erliegen. Vorerst. Denn es sollte zu einem neuen Aufbegehren kommen: der Deutschen Revolution von 1848 (Märzrevolution) unter schwarz-rot-goldenen Flaggen, mit dem Ziel eines einheitlichen demokratischen deutschen Nationalstaates.

Auch diese Revolution scheiterte, doch hinterließ sie nachhaltige Spuren. Das feudale System wurde endgültig aufgelöst, die Gerichte waren transparenter und die Presse freier und vielfältiger als je zuvor.

Noch einmal, in der Weimarer Republik von 1919 bis 1933 sollten Schwarz, Rot und Gold die deutschen Nationalfarben werden, doch dauerte es noch bis zum Ende des deutschen Reiches und der Gründung der Bundesrepublik 1949 bis sie zumindest über einem dauerhaft demokratischen von zwei deutschen Staaten und weitere 41 Jahre, bis sie über einem in dieser Freiheit geeinigten Deutschland wehten.

Durch die deutsche Geschichte hinweg standen die Farben Schwarz-Rot-Gold für ein ernstes Bemühen und ein Streben nach Veränderung und Verbesserung auf der Basis freiheitlicher und demokratischer Ideale. Natürlich ging man dabei auch Irrwege. Natürlich gab und gibt es immer auch entgegengesetzte Bestrebungen. Und ja, allzu oft muss man sich fragen, wie demokratisch und frei Deutschland eigentlich tatsächlich noch ist. Aber was ändert das?

Nach wie vor steht Schwarz-Rot-Gold nicht nur für eine bewegte Geschichte, sondern auch für freiheitliche und demokratische Ideale. Und sich zu diesen Idealen zu bekennen ist keine Schande. Im Gegenteil: das Bekenntnis dazu und das Bemühen um ihren Erhalt und ihre Durchsetzung ist schon etwas, das mit Stolz vergleichbar sein oder vielleicht auch so genannt werden kann. Das hat auch nichts mit unangemessenem Nationalstolz oder Nationalismus zu tun.

Dies ist jedoch etwas, das so manchem extrem Rechten ein Dorn im Auge ist und was so manche extrem Linke nicht verstehen können oder wollen. So wird es weiter Diskussionen um dieses Thema geben. Auch wird es weiterhin die ein oder andere spöttische Bemerkung oder gar Anfeindung geben, wenn man seine Flagge irgendwo aufhängt. Macht nix, das bin ich von meiner Piratenflagge (und die steht ja durchaus für vergleichbares) auch so gewohnt.

Natürlich ist all das nicht der Grund für das aktuelle Flaggenmeer und die wenigsten derer, die sich, ihr Haus oder ihr Auto damit schmücken dürften sich des geschichtlichen Hintergrundes dieser Farben bewusst sein. Das sind sich aber die Kritiker daran in der Regel genauso wenig.

Dass diese Flaggen benutzt und kritisiert werden, ohne sich ihrer Bedeutung bewusst zu sein oder sie auch nur zu ahnen, DAS ist so ziemlich das einzige, was mich daran ernsthaft stören kann. Und selbst das nur wenig.

Bilder sind Wikimedia Commons entnommen und gemeinfrei.
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