Twittern für Sozialdemokraten (und auch für Piraten)

Posted on 3. Juni 2010

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Dieser Tage sorgt eine Anleitung zum Twittern für eine gewisse Belustigung im Netzt, nicht zuletzt natürlich unter einigen Twitterern selbst. Sie trägt den Titel „Wie kann ich twittern lernen – Anleitung für Sozialdemokraten“ und ist erschienen in der Online-Ausgabe der offiziellen SPD-Zeitung Vorwärts.

So sehr man nicht zuletzt des Titels wegen wahrscheinlich geneigt ist, zu schmunzeln, gibt es dafür bei genauerer Überlegung und Betrachtung doch gar keinen Grund. Im Gegenteil.

Zunächst einmal ist dieser Artikel schon ein wenig älter. Über ein Jahr alt, um genau zu sein. Er stammt vom 15.02.2009, aus einer Zeit also, als die Bundestagswahl in den meisten Köpfen weit, weit weg war, man sich aber als Partei durchaus schon einmal Gedanken machen konnte und sollte, wie man ihn denn gestalten möchte. Und unter anderem darum geht es in dem Artikel ja auch. Sich per Twitter einerseits miteinander und andererseits mit den Wählern zu vernetzten und auch Twitter in anstehenden Wahlkämpfen zu nutzen.

Nun kann man natürlich immer noch darüber schmunzeln, dass es ein derartig trockenes und verkrampft wirkendes Bemühen gibt bzw. gab. Sowas geht doch auch irgendwie von ganz alleine, wenn man nur will, oder? Ist nicht gerade die Piratenpartei da ein Beispiel für?

Jain und da muss man dann doch das ein oder andere einmal ins richtige Licht rücken, wie mir scheint.

Zunächst einmal: Zu der Zeit, als der Artikel entstand, war die Piratenpartei noch ein kleines Häuflein aus nicht einmal ganz 1000 Mitgliedern. Diese waren zwar, teils mehr, teils weniger gut, online miteinander vernetzt, aber was blieb ihnen auch anderes übrig? Die Online-Vernetzung war kein Bonus, sie war in weiten Teilen die einzige Art Vernetzung, die die Piraten überhaupt hatten. Durch die geringen Mitgliederzahlen waren Vernetzung und Kommunikation jenseits des Internets mehr als nur lückenhaft und in den Gebieten und Regionen, in denen es sehr wenige Piraten gibt, sind sie das immer noch.

Mittlerweile ist die Piratenpartei auf ein vielfaches der damaligen Größe gewachsen und darunter befinden sich auch sehr viele Twitterer. In vielerlei Hinsicht hat sich Twitter dabei als nützlich erwiesen, z.B. um Neuigkeiten zu verbreiten, sich zu organisieren oder sich auszutauschen. Oder auch, um einfach nur Spaß zu haben. Die Mehrheit der twitternden Piraten nutzt den Dienst viel bis überwiegend auch privat.

Die Intensität der Nutzung deckt dabei alle Bandbreiten ab. Gleiches gilt für die Qualität der Tweets. Dies ist mit verantwortlich dafür, dass die Piraten-Twitterei so natürlich wirkt. Sie wirkt nicht nur so, sie ist es einfach. Das bringt jedoch nicht nur Vorteile mit sich und lässt sicher so manches mal die „Professionalität“ vermissen die der ein oder andere sich erhoffen oder erwarten mag.

So wertvoll und nützlich Twitter für die Piraten im speziellen und für Parteien im allgemeinen sein kann, gilt jedoch auch: viele Piraten twittern gar nicht. Mich würde nicht einmal überraschen, wenn das sogar die Mehrheit wäre. Noch mehr gilt das auch für unsere Wähler.

Twitter bzw. Microblogging ist ein Medium und Werkzeug unter vielen. Aber nicht jeder hat einen Draht dazu und tatsächlich wissen viele damit nichts anzufangen, auch unter den Piraten. Das trifft auf jedes Medium und Werkzeug zu. Der eine mag statt dessen Facebook, weiss aber mit dem Forum nichts anzufangen, der nächste mag das Forum, findet sich aber auf den Mailinglisten nicht zurecht.

Selbiges gilt natürlich auch fürs Piraten-Wiki, aber wenn man sich dann doch da irgendwie zurecht findet, kann man dort auch auf einen Eintrag mit dem Titel Microblogging stoßen. Dieser gibt neben einer (extrem) kurzen Erklärung, was Microblogging (dazu zählt auch Twitter) ist, eine Liste aller offiziellen Piraten-Accounts.

In einem unserer offiziellen Partei-Medien haben wir also etwas, das durchaus mit dem Vorwärts-Artikel vergleichbar ist. In einem solchen Vergleich schneidet der SPD-Artikel jedoch zumindest in sofern besser ab, dass er wesentlich geeigneterer dazu ist, bisherige Nicht-Microblogger an dieses Medium heranzuführen.

Ja, bisher haben wir die Nase vorn, was die Nutzung solcher Dienste angeht und es ist auch nicht damit zu rechnen, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Das heisst jedoch nicht, dass das nicht noch ausbau- und verbesserungsfähig ist. Tatsächlich enthält der SPD-Artikel vieles, was unserem Wiki-Eintrag eigentlich fehlt. Es mag überflüssig erscheinen, weil die bisherigen Twitter-Piraten ihren Weg auch ganz allein zu diesem Medium gefunden haben. Aber ebenso trifft das auf viele, wahrscheinlich wesentlich mehr, als uns lieb ist, nicht zu. Und die erreicht ein solcher Artikel wesentlich besser.

Also nicht schmunzeln, dass die SPD so krampfhaft bemüht erscheint. Nicht nur in deren Reihen gibt es viel zu lernen. Tatsächlich können wir uns von diesem Artikel einiges abschauen.

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Posted in: Allgemeines, Piraten