Kuriose Gesetze: Das BGB und die Bienen

Posted on 24. Mai 2010

3



Im ersten Beitrag dieser Reihe mache ich es mir sehr leicht, denn anstatt in die Ferne zu schweifen, befasse ich mich erstmal mit etwas heimischem, das sich auch recht leicht aufklären lässt.

Die Idee zu dieser Reihe kam mir, als ich vor einiger Zeit auf dem Weg zu Piratenstammtisch in einen Bienenschwarm geriet. Er hatte sich an einem Blumenkübel in einem Hauseingang niedergelassen und wenn man es nicht rechtzeitig merkte, geriet man auf dem Bürgersteig mitten hinein in das Gewimmel der umherfliegenden Bienen. Nachdem ich nicht ganz unängstlich eilig aus dem Gewusel herausgeschlichen war, machte ich mir doch ein wenig Sorgen um die Bewohner des Hauses. Nichts ahnend die Tür zu öffnen und vor eine Wand potentiell stechbereiter Insekten zu rennen stelle ich mir recht abenteuerlich vor. Glücklicherweise konnten mich Nachbarn, die gerade aussen an ihrem Haus beschäftigt waren, beruhigen. Die Bewohner wüssten Bescheid und ein Imker sei bereits informiert.

So etwas ist sicherlich keine alltägliche Erfahrung und ich schätze mal, sie ist es noch weniger für die Bewohner dieses Hauses, die ihr ungleich intensiver ausgesetzt waren. Normalerweise interessiert man sich für Bienen wahrscheinlich nur so weit, wie es für das Glas Honig auf dem Frühstückstisch relevant ist und wenn man sich mit stechenden Insekten dieser Größe und Menge im oder am Heim auseinandersetzen muss, dann sind es eher Wespen, die sich irgendwo eingenistet haben.

Dennoch gibt es wohl keinen einzigen Paragraphen in deutschen Gesetzen, der sich mit Wespen und ähnlichem beschäftigt, aber das BGB kennt gleich vier Paragraphen allein zum Thema Bienen und die ersten beiden davon tauchen auch regelmäßig in Sammlungen kurioser Gesetze auf.

§ 961 Eigentumsverlust bei Bienenschwärmen

Zieht ein Bienenschwarm aus, so wird er herrenlos, wenn nicht der Eigentümer ihn unverzüglich verfolgt oder wenn der Eigentümer die Verfolgung aufgibt.

§ 962 Verfolgungsrecht des Eigentümers

Der Eigentümer des Bienenschwarms darf bei der Verfolgung fremde Grundstücke betreten. Ist der Schwarm in eine fremde nicht besetzte Bienenwohnung eingezogen, so darf der Eigentümer des Schwarmes zum Zwecke des Einfangens die Wohnung öffnen und die Waben herausnehmen oder herausbrechen. Er hat den entstehenden Schaden zu ersetzen.

Wahrscheinlich ist nicht zuletzt das Bild eines Menschen, der einem Bienenschwarm hinterher rennt und dabei durch fremde Gärten stolpert maßgeblich dafür verantwortlich, dass diese Paragraphen gerne Belustigung hervorrufen. Ganz ehrlich: so ging es mir auch, als ich das erste Mal davon hörte. Und wo man nicht belustigt ist, wird das ganze, gerne auch einschließlich der beiden nachfolgenden Paragraphen, als Beispiel genommen, dass in Deutschland ja alles sinnlos überreglementiert sei.

§ 963 Vereinigung von Bienenschwärmen

Vereinigen sich ausgezogene Bienenschwärme mehrerer Eigentümer, so werden die Eigentümer, welche ihre Schwärme verfolgt haben, Miteigentümer des eingefangenen Gesamtschwarms; die Anteile bestimmen sich nach der Zahl der verfolgten Schwärme.

§ 964 Vermischung von Bienenschwärmen

Ist ein Bienenschwarm in eine fremde besetzte Bienenwohnung eingezogen, so erstrecken sich das Eigentum und die sonstigen Rechte an den Bienen, mit denen die Wohnung besetzt war, auf den eingezogenen Schwarm. Das Eigentum und die sonstigen Rechte an dem eingezogenen Schwarm erlöschen.

Und überhaupt: gibt es denn nichts wichtigeres, womit sich deutsche Gesetzgeber beschäftigen müssen, als ausgerechnet mit Bienen?

Zumindest im letzten Punkt kann ich schonmal direkt beruhigen: diese Paragraphen sind alt. Sehr alt sogar. Ich habe hier eine Ausgabe des BGB aus dem Jahr 1900, die ich mal auf einem Trödelmarkt gefunden habe. Schon da stehen diese Paragraphen genau so drin. Und, ohne es recherchiert zu haben: wahrscheinlich sind die entsprechenden Regelungen noch viel älter.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sie damit überholt und eigentlich unwichtig sind. Tatsächlich sind sie immer noch sehr aktuell und vor allem auch bedeutend. Dazu muss man sich zwei Dinge vor Augen führen.

Zum einen: Bienen sind wichtig. In Deutschland gelten sie nach Rindern und Schweinen als drittwichtigste Nutztiere mit einem Nutzwert im Milliardenbereich. Dieser Wert ergibt sich gar nicht einmal aus der Produktion von Honig (25.000 Tonnen pro Jahr), Wachs und sonstigem, sondern vor allem auch aus der durch die Bienen geleisteten Bestäubung zahlreicher Pflanzen.

Zum anderen: Bienen sind Wildtiere, die man nicht wirklich unter Kontrolle halten kann und die bei der Fortpflanzung so ihre Eigenheiten haben.

Unsere Honigbienen gehören, soviel sollte allgemein bekannt sein, zu den sogenannten staatenbildenden Insekten mit einer Königin und vielen Arbeiterinnen. Dieses Bild ist eigentlich recht ungenau, denn eigentlich handelt es sich dabei um Familien mit einer Mutter und vielen (zehntausenden) Kindern. Und die meiste Zeit sind alle weiblich. Männliche Bienen, die Drohnen, gibt es nur kurze Zeit im Jahr und ihr einziger Daseinszweck ist es, sich mit einer Königin zu Paaren. Diese wiederum ist das einzige Weibchen eines Stockes, das uneingeschränkt zur Fortpflanzung fähig ist,  und ihr Leben besteht quasi ausschließlich aus dem Legen von Eiern (bis zu 2.000 Stück pro Tag).

Ob aus einer Bienenlarve eine Arbeiterin oder Königin wird, hängt allein davon ab, in welcher Wabe sie liegt und wie sie von den Arbeiterinnen gefüttert wird. Ab einer bestimmten Bevölkerungsdichte im Stock beginnt das Volk, neue Königinnen aufzuziehen. Allerdings sind es nicht diese, die dann den Stock verlassen und eine neue Kolonie gründen, sondern die alte Königin schwärmt mit einem Teil der Arbeiterinnen aus, um sich eine neue Heimat zu suchen.

Daraus ergeben sich natürlich gewisse Schwierigkeiten für den Imker.

Zunächst mal hat er eigentlich Grund, sich zu freuen. Aus einem Bienenvolk sind zwei geworden. Das bedeutet im günstigsten Fall eine Verdopplung des Ertrages. Aber: im alten Stock befindet sich jetzt ein neues Volk und wer weiss, ob das hält, was es verspricht? Die alte Königin und damit das alte Bienenvolk, bei dem er genau weiss, was er davon zu halten hat, verdrückt sich einfach. Und wenn er sich das nicht wieder schnappt, geht ihm wertvolles Kapital verloren. Also nichts wie hinterher.

Wenn man nun bedenkt, dass es in Deutschland ungefähr 80.000 Imker gibt, die etwa eine Million Bienenvölker halten, kann man sich leichter vorstellen, dass all die Probleme, die sich daraus ergeben können, dass sich Bienenvölker im Rahmen der Fortpflanzung regelmäßig aus dem Staub machen, genauer Regelungen bedürfen.

Und genau das verbirgt sich hinter diesen Paragraphen und plötzlich sind die nicht mehr ganz so lustig und erscheinen nicht mehr so albern und überflüssig. Vielmehr sind es alte und wichtige Regelungen, die sich bewährt haben und ohne die es ein ganzer Wirtschaftszweig eine gewaltige Ecke schwerer hätte.

Advertisements
Posted in: Kuriose Gesetze