In Feindesland

Posted on 5. Mai 2010

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Heute kam der Noch-Ministerpräsident von NRW (soviel Vorausschau erlaube ich mir einfach mal), Herr Rüttgers, im Rahmen seiner ZuhörTour in die Hagener Stadthalle. So etwas kann man sich ja natürlich nicht entgehen lassen, also machten sich zwei Hagener Piraten (Mitch und ich) auf, um sich den Spaß einmal anzusehen.

Das ganze war ein Ausflug in regelrechtes „Feindesland“, denn wie zu erwarten, war diese Veranstaltung nahezu ausschließlich von CDU-Anhängern besucht. Tatsächlich drängte sich mir beim Betreten des Saales das Gefühl auf, ich sei mitten in einer Mitgliederversammlung der Senioren-Union gelandet. In der Mitte ein kreisrunder Teppich (Herrn Rüttgers Arena), rundherum im Quadrat voll besetzte Tribünen. Für Nachzügler hatte man ein wenig versetzt in den Ecken dieses Quadrates noch ein Paar Stuhlreihen aufgestellt, in denen wir zwei Plätze ergatterten.

Mit ein wenig Verspätung ging es dann los und Herr Rüttgers betrat unter Applaus seine Arena. Da fehlte eigentlich nur noch der Superhit dieses Wahlkampfes, aber den hatte man sich gespart. Ohne viel Drumherum ging es dann auch sofort zur Sache. Es war ja eine Veranstaltung für Fragen und Antworten (gleich welcher Art), nicht für Wahlkampfreden und da war man lobenswert konsequent.

Recht früh zeigte sich jedoch: wer in dieser Runde die falschen Fragen stellt, hat einen schweren Stand beim Publikum. Zu den ersten Fragestellern gehörte eine Dame vom Hagener Tierschutzverein, die von dem bisher vergeblichen Kampf um ein neues Tierheim und den dabei erlebten Enttäuschungen berichtete. Ja, sowas kommt bei Hagener CDUlern nicht wirklich gut an, und wurde mit entsprechendem Raunen und Stöhnen quittiert. Immerhin ließ sich Herr Rüttgers erweichen und nahm alle Unterlagen zu Konzept, Planung und Finanzierung des Tierheims entgegen inklusive Versprechen, sich dieser Angelegenheit zu widmen.

Das ganze ließ erahnen was uns erwarten würde, wenn einer von uns Piraten eine Frage stellen würde.

Es wurden viele Themen angesprochen. Die Situation der Ärzte in ländlichen Gegenden, Bildungspolitik (das Thema führte zu wildem Schwadronieren gegen eingliedrige Schulsysteme und Dinge wie unsere fließende Schullaufbahn; es gebe so viele Probleme, da müsse man ja nicht ausgerechnet jetzt einen Schulkampf anfangen), Energiepolitik, fehlende Möglichkeiten zum veterinärmedizinischen Studium in NRW oder auch die Situation von Vermietern, die herausfinden wollen, wer alles in ihren Wohnungen gemeldet ist, ohne tatsächlich da zu wohnen. Dabei wurde dann auch gerne mal abgeschwiffen. Zum Beispiel zum Thema Griechenland oder zur asiatischen Wirtschaftskraft.

Recht kurios wurde es, als Herr Rüttgers meinte, einen Wahlkampf ausdrücklich gegen Schwarz-Gelb zu entdecken, was der falsche Weg sei, denn das Miteinander, das Zusammenarbeiten sei wichtig. Kurios oder gar grotesk war das deshalb, weil in Hagen (und wahrscheinlich nicht nur hier) jede Menge CDU-Plakate hängen, auf denen vor einer „drohenden“ rot-rot-grünen Regierung gewarnt wird und er nur wenig später selbst gegen rot-rot allgemein und speziell natürlich gegen die Linke zu Felde zog.

Von einem Themenbereich versuchten sich die Fragenden jedoch so weit wie möglich fern zu halten: Spenden und damit in Zusammenhang stehende Affären. Ok, das Thema ist so aktuell, dass es nicht wirklich originell ist. Aber wenn das die ganze Zeit nur ein einziges Mal in einem Nebensatz angedeutet wird (als „schwere Zeit“ die es ja sehr bewundernswert mache, den Mut zu finden, sich überhaupt den Fragen zu stellen) wird dieser Eiertanz dann doch zu blöd. Also die Hand gehoben und zu Wort gemeldet.

Eine Zeit lang wurde meine Wortmeldung übersehen, aber schließlich war es dann doch so weit, dass sie wahrgenommen wurde. Nu konnte ich schwerlich wieder zurück. Während Herr Rüttgers noch die vorhergehende Frage beantwortete wurde ich von der Dame mit dem Mikro gefragt, ob es mir was ausmache, im Stehen zu sprechen (die anderen blieben im Normalfall sitzen). Weil mein Platz so weit hinten sei könne man mich ja kaum sehen. Ich stimmte zu ohne zu ahnen, dass „im Stehen“ hieß: direkt gegenüber Herrn Rüttgers am Rande der Teppich-Arena und umringt von lauter CDUlern, für die ich ein gefundenes Fressen war. Da war mir schon recht mulmig zu Mute, und die Knie wurden etwas weich. Aber Piraten machen ja keine Rückzieher.

Als ich dran war stellte ich mich vor und gab mich als Hagener Pirat zu erkennen. Das Stöhnen und Raunen seitens der CDU-Anhänger fiel unerwartet schwach aus. Um so stärker wurde es, als ich fortfuhr.

Ich verlieh meiner positiven Überraschung Ausdruck, dass man für dieses Gespräch nichts bezahlen müsse. Das saß. Weniger bei Herrn Rüttgers, als vielmehr bei seinen Anhängern. Ein Paar schienen diesen Seitenhieb zunächst witzig zu finden (dabei war er durchaus nicht so gemeint), beugten sich dann aber dem Gruppenzwang und verlegten sich aufs Stöhnen. Hinter meinem Rücken begannen die ersten zu schimpfen. Nach einer kurzen Bemerkung Herrn Rüttgers, dass das ja untersucht worden und nicht zu beanstanden sei, konnte ich fortfahren wobei mich immer wieder Pöbeleien aus dem Publikum unterbrachen und aus dem Konzept brachten.

Ich meinte, wenn man sich in Deutschland und auch in NRW umsehe, stieße man immer wieder auf Korruption, Spendenaffären und ähnliches. Vielleicht verstünde er ja, wie da der Eindruck entstehen könne, dass es zum politischen Tagesgeschäft gehöre, sich an den Meistbietenden zu verschachern. Vor diesem Hintegrund interessiere mich seine ganz persönliche Ansicht zu dem Thema, dass es ein Übereinkommen der UNO zur Korruptionsbekämpfung gäbe, das mittlerweile selbst von vielen so genannten Bananenrepubliken ratifiziert worden sei, von Deutschland jedoch nicht. Dieses Übereinkommen habe bereits eine rot-grüne, eine schwarz-rote und nun auch eine schwarz-gelbe Regierung gesehen, aber offenbar gab es nie und gebe es auch jetzt keine Bestrebungen, es zu ratifizieren und umzusetzen.

Herr Rüttgers betonte daraufhin, dass Transparenz ein bedeutendes Thema sei und es tatsächlich Bemühen gebe, diese zu verbessern.

Man sehe mir nach, dass ich seine Ausführungen dazu gerade nicht im Detail wiedergeben kann.

Nachdem er endete und es kurzen Applaus gab, ergänzte ich (mittlerweile ohne Mikro; die Mikrofon-Dame war schon weitergezogen) dass es sehr schön sei, wenn es tatsächlich derartige Bestrebungen gebe, denn dann liege er dabei mit den Piraten auf einer Linie. Öffentliche Zweifel habe ich mir an dieser Stelle einfach mal gespart. Wie gut diese Bermerkung bei Herrn Rüttgers ankam vermag ich nicht zu interpretieren, beim Publikum erzeugte sie natürlich wieder recht negative Reaktionen. Da wurde es offenbar auch Herrn Rüttgers zu blöd, der mir zuvor schon per Handzeichen angedeutet hatte, ich solle mich um Bemerkungen aus dem Publikum ruhig nicht kümmern (zumindest interpretiere ich das so).

Er betonte, dass diese Veranstaltung durchaus auch für Wähler und Mitglieder anderer Parteien öffentlich sei, die ihre Fragen stellen könnten. Und es sei richtig und wichtig, wenn sich Menschen politisch engagierten. Zu viele täten das nicht. Der Dialog zwischen den demokratischen Parteien (und bei all diesen Ausführungen schloss er die Piraten ausdrücklich mit ein) sei wichtig. In diesem Sinne dankte er mir und ich dankte ihm und plötzlich schien der ganze Saal dieses kleine Zwischenspiel nicht mehr ganz so schlimm zu finden.

Danach ging die Veranstaltung auch nicht mehr allzu lang, wofür ich ganz dankbar war, da mein Mund während meines nicht ganz so angenehmen Auftrittes sehr trocken geworden war, ich hungrig und müde war und Magenschmerzen einsetzten. Herr Rüttgers wurde mit stehendem Applaus von seinen Jüngern verabschiedet und vor der Tür verteilte das Tour-Team noch Werbematerial.

Nichts wie raus aus dem „Feindesland“. 😉

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Posted in: Piraten, Politik