Mein gefährlicher Apfel

Posted on 5. März 2010

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Gestern machte ich mir Sorgen, wegen eines Apfels, der vor mir lag. Klar, ich hätte den einfach essen können. Aber woher weiss ich denn, dass so ein Apfel ungefährlich ist? Mir hat noch nie jemand die absolute und hundertprozentige Ungefährlichkeit dieses Apfels im speziellen bzw. von Äpfeln im allgemeinen bewiesen.

Nach Veröffentlichung meiner Sorgen per Microblogging kamen einige interessante Vorschläge, wie man beweisen könne, dass der Apfel ungefährlich sei. Chemische Analysen, Tierversuche, Vorkoster…

Lauter tolle Ideen, die eventuell geeignet wären, jemanden die Angst vor dem Apfel zu nehmen. Alle hatten sie jedoch ein Manko: die geforderte hundertprozentige Sicherheit konnte keine geben. Warum ist das so?

Es liegt nicht daran, dass die Methoden schlecht gewesen wären. Im Gegenteil. Sie sind die besten und einzigen, die uns zur Verfügung stehen. Das Problem ist vielmehr eines, das sich von Beginn an durch die Logik und durch die Wissenschaft zieht: Wie beweist man die Nichtexistenz von etwas? In meinem Beispiel die Nichtexistenz wie auch immer gearteter schädlicher Einflüsse durch einen Apfel. Und die Antwort auf diese Frage ist: Gar nicht. Es geht einfach nicht.

Um bei meinem Apfel zu bleiben:

Keine Untersuchungsmethode kann alles abdecken, immer könnte etwas übersehen worden sein. Und dann würde ich den Apfel essen und möglicherweise krank werden oder gar sterben. Selbst, wenn das nicht sofort passiert, es könnte in einigen Tagen passieren, in Wochen, Monaten oder Jahren. Und selbst wenn ich ohne jemals wieder krank gewesen zu sein in hohem Alter friedlich sterbe: Mit nichts ließe sich nachweisen, dass ich nicht ohne diesen Apfel noch etwas länger gelebt hätte. Und auch, dass seit ewigen Zeiten problemlos Äpfel verzehrt werden, ist kein Beweis. Man könnte die ganze Zeit einfach nur Glück gehabt haben. Einen hundertprozentigen Beweis der Ungefährlichkeit des Apfels gibt es nicht und kann es nicht geben.

Die Hypothese vom gefährlichen Apfel ist nicht falsifizierbar und damit spätestens seit Popper, vulgär gesprochen, Unsinn. Nicht, weil der Apfel offensichtlich ungefährlich ist, sondern weil die Hypothese der Gefährlichkeit nicht die notwendige Voraussetzung der Widerlegbarkeit erfüllt, um sinvoll zu sein.

Das ist eine wichtige Basis wissenschaftlichen Arbeitens. Gäbe es sie nicht, müsste man bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag immer wieder jeden pseudowissenschaftlichen Blödsinn untersuchen und käme ihm doch nie bei. Denn immer blieben Zweifel ob nicht vielleicht doch etwas dran sein könnte.

Im Falle meines Apfels hieße das, mit der Hypothese zu arbeiten, er sei gänzlich ungefährlich. Dann überlegt man, was daran gefährlich sein könnte. Er könnte ja faul sein, vergiftet oder sonstwas. All diese denkbaren Punkte nimmt man sich dann einzeln vor und versucht Hinweise auf ihre Richtigkeit zu finden. Man versucht also die Hypothese, der Apfel sei ungefährlich, zu widerlegen. Genau dafür sind dann all die tollen Ideen gut, die mir auf meine Sorgen hin genannt wurden. Sie können nicht beweisen, was ich ursprünglich forderte (die komplette Unbedenklichkeit des Apfels) aber Hinweise für das Gegenteil liefern.

Irgendwann kommt man dann zu dem Schluss, dass man alles getan hat, was man sinnvoll tun konnte, dass es keine Hinweise auf die Gefährlichkeit des Apfels gibt und dass er somit als ungefährlich gelten kann.

Das ganze schreibe ich hier nun aus zwei Gründen.

Zum einen ist es ein Nachtrag zum Artikel über die Kartoffel Amflora. In Diskussionen zu diesem Thema oder generell zu Gentechnik (und natürlich gibt es das auch noch in vielen anderen Bereichen) taucht immer wieder die Forderung auf, vor einer Zulassung müsse die absolute und hundertprozentige Unbedenklichkeit nachgewiesen sein. Eine Nachweis, der, wie oben geschildert, gleichermaßen unmöglich ist wie die Forderung danach unsinnig ist.

Da hilft dann auch nicht das Pseudo-Argument, andere Kartoffelsorten könnten das gleiche und seien erwiesenermaßen ungefährlich. Denn das sind sie eben nicht. Denn auch das sind keine Wunderknollen, die jeglichen Gesetzen der Logik trotzen. Auch bei diesen ist der hundertprozentige Nachweis der Unbedenklichkeit schlicht unmöglich.

Zum anderen irritiert es mich umso mehr, wenn ausgerechnet unter den Piraten vereinzelt einige solch unsinnige und unmögliche Forderungen an Amflora (oder andere Dinge stellen). Denn die oben geschilderten Prinzipien sind wichtige Aspekte piratiger Politik.

Glaubt ihr nicht?

Na, dann schauen wir mal:

Wie beweist man Unschuld? Wie beweist man die generelle und hundertprozentige Abwesenheit von Schuld? Wie beweist man, dass man kein Verbrecher ist? Wie, dass man kein Terrorist ist? Wie wehrt man sich gegen einen Generalverdacht und kann diesen ausräumen?

Es geht nicht. Es ist schlicht unmöglich.

Auf dieser Grundlage basiert unser ganzes Rechtssystem. Und nicht nur unseres. Jedes System, das sich als rechtsstaatlich bezeichnen möchte, muss seine Basis auf diesen Prinzipien haben. Sie sind Quelle der Unschuldsvermutung und der Beweislast des Klagenden vor Gericht. Sie sind der Grund, warum es keinen Generalverdacht geben darf, der in der kompletten Überwachung aller Bürger gipfelt.

Und in den Sicherheits-Debatten spielen diese Prinzipien noch eine weitere Rolle. Denn auch hier erleben wir allzu oft, dass hundertprozentige Sicherheit gefordert wird. Sicherheit vor Terrorismus, vor Kriminalität. Sicherheit, die es nicht gibt und nicht geben kann. Niemals. Es ist unmöglich absolut und hundertprozentig sicher vor Schaden durch Terror und Kriminalität zu sein.

Aber soll man sich davon Angst machen lassen?

Oder soll man vielleicht einfach in diesen schönen runden leckeren Apfel beissen und sich des Lebens freuen?

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