Kartoffel-Theater

Posted on 3. März 2010

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Das Böse hat einen neuen Namen, zumindest heute und für ein Paar Tage: Amflora. Dieser Eindruck könnte leicht entstehen, wenn man sich in den „falschen“ Ecken des Netzes rumtreibt.

Namensträgerin und Stein des Anstoßes ist dabei nichts weiter, als eine kleine Kartoffel. Nein, Amflora ist keine normale Kartoffel. Sie wurde gentechnisch manipuliert. Und das macht sie… nunja… böse halt… irgendwie.

Amflora ist eine Industriekartoffel, die für die Stärke-Produktion entwickelt wurde. Theoretisch könnte man sie zunächst mal wahrscheinlich bedenkenlos essen. Aber das würde sich wohl kaum jemand freiwillig antun. Der extrem hohe Stärkegehalt verleiht ihr wohl eine so mehlige Konsistenz, dass ich nicht mal weiss, ob man sie überhaupt vernünftig gekocht bekäme. Und diese Kartoffel wurde nun nach dreizehnjährigem Streit darum zum Anbau zugelassen, womit uns offenbar quasi Weltuntergangsszenarien ins Haus stehen.

Nun ist Kritik an genetischer Manipulation und dem Loslassen der Ergebnisse auf die Welt nicht gänzlich unberechtigt. Skepsis ist eine tolle Sache. Ist immer und überall angebracht. Doch sollte man sich dabei auch in der Nähe dessen bewegen, was gemeinhin als Realität betrachtet wird. Schauen wir uns einmal ein ganz konkretes Bedrohungsszenario an.

Kritikpunkt an Amflora ist ein Gen, das eine Resistenz gegen das Antibiotikum Kanamycin bewirkt. Das Betrifft zunächst mal nur die Kartoffel. Soweit also kein Problem. Zumal sie ja nun auch eine reine Industriekartoffel ist und die meisten Menschen sie wahrscheinlich niemals zu Gesicht bekommen werden.

Nun könnte es natürlich sein, dass trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der Fall eintritt, dass sich Amflora mit anderen Kartoffeln kreuzt. Und so könnte dieses Gen dann möglicherweise auch in andere Kartoffelsorten gelangen. Das würde man zunächst mal gar nicht bemerken. Eigentlich auch kein wirkliches Problem, da es zunächst mal nur diese anderen Kartoffeln beträfe. Diese Kartoffeln aber sind wahrscheinlich keine Industriekartoffeln, sondern werden auch gegessen.

Dabei nun, so die Befürchtung, könne das Gen möglicherweise irgendwie auch in das Erbmaterial anderer Organismen gelangen. Zum Beispiel in das Erbgut von Bakterien im menschlichen Darm oder andere Dinge im menschlichen Körper. Und das führe dann dazu, dass diese gegen das Antibiotikum resistent würden.

So weit so gut (oder von mir aus auch schlecht). Inwiefern wäre das jetzt ein Grund, sich Sorgen zu machen?

Dazu fehlen noch zwei wichtige Information, die in der Regel ausser Acht gelassen werden:

  1. Viele Bakterien sind eh resistent gegen Kanamycin. Da würde also gar keine neue Gefahr drohen.
  2. Kanamycin ist ein sogenanntes Reserveantibiotikum. Somit wird es recht selten eingesetzt und man greift bei normalen Infektionsbehandlungen überhaupt nicht drauf zurück. Man spart es sich vielmehr für einen bestimmten Einsatzzweck auf und der heißt in diesem Fall: multiresistente Tuberkulose.

Wovor hat man nun also zusammengefasst genau Angst?

Davor, dass sich Amflora entgegen aller Vorsichtsmaßnahmen mit anderen Kartoffeln kreuzt und sich dadurch das Gen unter allen Kartoffeln ausbreitet, diese Kartoffeln dann von jemandem gegessen werden, der an multiresistenter Tuberkulose erkrankt ist, das Gen dann irgendwie in das Erbgut des entsprechenden Tuberkulose-Erregers wandert, sich dann ausbreitet und man dann selbst irgendwann an dieser multirestenten Tuberkulose erkrankt, die nun auch noch resistent gegen Kanamycin ist.

Ähhh… ja…

Man kann sich auch Sorgen machen, dass, wenn man auf die Straße geht, ein Auto ins Schleudern gerät und man diesem mit einem Hechtsprung ausweicht, dann aber, während man sich an einem Laternenpfahl wieder hochzieht, in diesen Laternenpfahl aus heiterem Himmel der Blitz einschlägt, was man aber überlebt, worüber man einen Freudensprung macht, wobei man stolpert und auf eine Glasscherbe fällt, die einem eine Arterie aufschlitzt. Oder so…

Nun kann man natürlich fragen: Das kann doch nicht alles sein?

Doch, das ist alles. Das ist das einzige konkrete Horrorszenario, das mir zu Amflora bekannt wäre. Vielleicht gibt es noch andere, aber dann scheint man sie nicht für bedeutsam genug zu finden, um groß drüber zu sprechen oder sie lassen den begrenzten Einsatzbereich von Kanamycin ausser Acht.

Daraufhin kann man natürlich der Ansicht sein, dass es doch noch irgendetwas anderes geben müsse, worauf die Amflora-Panik basiert. Und ja, so etwas gibt es tatsächlich. Es sind die sogenannten nichtkalkulierbaren Risiken, die Angst vor unvorhersehbaren Folgen.

Diese Sorgen entsprechen dem Wunsch nach absoluter Sicherheit und gehen häufig mit der Forderung einher, die Sicherheit bzw. Unbedenklichkeit, in diesem Fall von Amflora, müsse zweifelsfrei bewiesen sein bevor man eine solche Zulassung erteilen darf. Und da muss ich die Angsthaber enttäuschen. Denn so etwas lässt sich nicht nachweisen. Es ist eine logische Unmöglichkeit.

Deshalb geht man genau so vor, wie ich es oben laienhaft versucht habe. Es werden auf Basis des Kenntnisstandes möglichst vollständig konkrete Szenarien entwickelt. Deren einzelne Aspekte werden beleuchtet und untersucht und die entsprechenden Risiken möglichst genau abgeschätzt. Und eben das hat man hier auch viele Jahre lang getan und ist offenbar zu dem Schluss gekommen, dass eventuelle Risiken vernachlässigbar gering sind.

Was man dabei nicht abdecken kann, fällt dann eben genau in die Kategorie „nicht vohergesehen“ bzw. „nicht vorhersehbar“. Davor kann man natürlich Angst haben und die Sorgen sind bis zu einem gewissen Grad verständlich. Aber diese Risiken sind etwas ganz alltägliches. Es gibt sie immer und überall. Bei allem, womit wir täglich in Berührung kommen. Nichts ist erwiesenermaßen gänzlich ungefährlich und unbedenklich. Gar nichts. Aber wir malen uns eben nicht immer und überall Szenarien aus wie mein oben geschilderter Auto-Blitz-Glasscherben-Fall. Weil es sinnlos ist.

Damit will ich niemandem Skepsis ausreden. Im Gegenteil. Aber auch Skepsis hat irgendwann ihre Grenzen. Und jenseits dieser Grenzen liegt gleichermaßen sinn- wie nutzlose Panik. Das gilt für alles. Auch für Amflora.

Nachtrag:

Ich vergaß einen wichtigen Apell, den ich gerne noch nachholen möchte. Informiert Euch selbst. Das ist ein wichtiger Aspekt der gesunden Skepsis, auf der berechtigte Sorge fußen sollte. Und wenn ihr das tut, tut es bei mehreren Quellen. Die richtigen Quellen für oben genanntes sind Biologen und Mediziner. Es sind (und das Urteil mag jetzt hart erscheinen) nicht Umweltaktivisten.

Ich schätze die Arbeit von Umweltschützern und -aktivisten sehr, solange sie auf vernünftigen Grundlagen basiert. Wenn ein Umweltaktivist tatsächlich auch noch Biologe oder Mediziner ist: umso besser.

Leider sind das die wenigsten und die lautesten Schreihälse, Schaumschläger und Panikmacher sind allzu oft die, die sich am wenigsten mit den jeweils relevanten Themengebieten auskennen. Ist traurig, aber leider wahr.

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