Metropolis – oder: Vom Nutzen der Kopie

Posted on 13. Februar 2010

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Gestern Abend war es endlich so weit: Welturaufführung der restaurierten, nahezu vollständig wiederhergestellten Urfassung von Fritz Langs Metropolis. Auch, wenn es sicher den ein oder anderen gibt, der das als olle Kamelle betrachtet, die nicht dazu geeignet ist, ihn vom Hocker zu reißen: Ich für meinen Teil war begeistert.

Es gäbe viel über diesen Film zu sagen, über seine Handlung ebenso wie seine Optik, über die für die damalige Zeit fantastischen Effekte und die allgemeine Ästhetik. Aber das allein war nicht das, was das gestrige Ereignis zu etwas besonderem machte und soll hier auch keine Rolle spielen. Viel bedeutender war: seit 80 Jahren hat nie ein Mensch den Film vollständig gesehen.

Kurz nach seiner Erstveröffentlichung 1927 war der Film wegen mangelnden Erfolges umgearbeitet worden. Man kürzte ihn stark, stellte Szenen um, entfernte andere und veränderte die Zwischentitel und so sogar die Handlung des Films. Und das Original… verschwand.

Lange ging man davon aus, dass spätestens 1988 die letzte zuvor nur teilweise kopierte Originalfassung unwiederbringlich zerstört worden war. Mehrfach wurde in mühevoller Arbeit versucht, aus allen nur irgendwie aufzutreibenden Resten eine möglichst originalgetreue Fassung zu erstellen. Doch die zuvor entfernten Szenen blieben verschollen. Bis 2008 das Glück auf den Plan trat und man in einem argentinischen Filmmuseum eine Originalfassung fand. Mit dieser gelang es, den Film nahezu komplett zu rekonstruieren und wieder herzustellen (nur wenige Minuten fehlen). Und dieser Film wurde nun gestern Abend gezeigt. So weit, so märchenhaft.

Und was wird heute geschehen?

Nun, spätestens heute wird der Film in den Weiten des Netzes auftauchen. Und egal, wie sehr man sonst aufs Urheberrecht pocht: wirklich böse sein kann man darüber nicht. Klar, die Restaurierung war nicht billig. Und irgendwie wird man sicher versuchen wollen, einen Teil der Kosten wieder rein zu holen. Und natürlich ist der Film urheberrechtlich geschützt. Sogar noch mindestens bis zum 1. 1. 2047.

Und spätestens das sollte ein wenig Bauchschmerzen bereiten. Immerhin ist Metropolis im Jahr 2001, über 25 Jahre nach Fritz Langs Tod, von der UNESCO als erster Film überhaupt zum Teil des Weltdokumenterbes erklärt worden. Sollte ein ein solches Dokument, erklärtermaßen von gleicher kultureller Bedeutung wie Goethes Werke, Beethovens Kompositionen und das Nibelungenlied nicht irgendwie allen gehören? Sollte es nicht möglichst vielen Menschen möglichst frei zur Verfügung stehen?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob man nicht genau das vielleicht sogar vorhat. Den Film unter einer vergleichsweise freien Lizenz zur Verfügung zu stellen. Ich weiss nicht einmal, wer aktuell die Rechte daran hat (Ich nehme an, die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung; in dem Fall stünde er tatsächlich zu verschiedenen Zwecken „der Allgemeinheit“ zur Verfügung). Ich kann es mir aber ehrlich gesagt nicht vorstellen. Und selbst wenn: Irgendjemand würde sich sicher drüber aufregen. Irgendwer regt sich immer auf. Das ist ja fast ein Naturgesetz.

Was an Metropolis besonders deutlich wird, ist unter anderem der Irrsinn der langen Schutzfristen. Der Film wurde 1927 uraufgeführt. Vor 83 Jahren. Fritz Lang starb 1976. Vor 34 Jahren. Die Schutzfrist, die sich bei Filmen nach dem am längsten lebenden Beteiligten unter einigen Leuten mit bestimmten Funktionen richtet (wenn ich das richtig sehe, war das in diesem Fall Fritz Lang), läuft noch fast 37 Jahre. 1927 bis 2047. Das sind 120 Jahre geschütztes Urheberrecht.

Oft wird bezüglich der langen Schutzfristen so argumentiert, dass damit ja dann auch die Nachkommen noch etwas vom Kuchen bekämen. „Ich fände das toll, wenn meine Kinder auch noch von Werken profitieren, die ich hinterlasse.“ ist ein in dem Zusammenhang oft gehörter Satz. Das finde ich schon bei Kindern, also der ersten Nachkommen-Generation nur begrenzt nachvollziehbar. Aber die 120 Jahre Urheberrechtsschutz von Metropolis decken vier(!) Generationen ab. Also bitte, da wird’s doch albern.

Hinzu kommt: Man male sich nur mal aus, auch diese restaurierte Fassung ginge verloren. Zugegeben, das ist äußerst unwahrscheinlich. Man wird nicht zweimal den gleichen Fehler machen. Und es wird dieses Mal sicherlich von vornherein ein Paar Sicherheitskopien mehr geben. Dennoch: man male es sich aus. Fühlt man sich dann nicht doch ein wenig wohler, wenn man weiss, dass irgendwo in den Weiten des Netzes noch ein Paar so genannte „Raubkopierer“ einige Exemplare in der Hinterhand haben?

Auch für ein anderes Problem ist Metropolis unfreiwillig ein gutes Beispiel. Und das ist eben das zuvor beschriebene Fehlen einer Originalfassung. Dieses Problem ist alltäglicher, als den meisten bewusst ist. Ich muss zum Beispiel davon ausgehen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich „E. T.“ oder die ersten drei Star-Wars-Filme noch einmal in ihrer Originalfassung zu Gesicht bekomme. Die Urfassung von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ habe ich noch nie gesehen und werde das wahrscheinlich auch nie.

Was man bei Metropolis noch notgedrungen tat, weil es eben keine Originalfassung mehr gab, den Film zu verändern und zu überarbeiten, wird heutzutage mit den meisten Filmen ganz gezielt getan. Nun will ich die Klassiker meiner Kinder- und Jugendtage nicht unbedingt auf eine Stufe stellen mit einem Teil des Weltdokumenterbes. Aber auch sie sind kulturelle Güter, die es zu erhalten lohnt. Aber genau das wird unmöglich gemacht.

Es gibt kaum noch einen Film, der nicht früher oder später verändert wird. Bild und Ton werden digital überarbeitet und zum Teil verändert oder ergänzt. Szenen werden hinzugefügt, vielleicht auch mal gestrichen oder neu zusammengeschnitten. Dann gibt es einen Directors Cut, dann einen Final Cut, dann eine Special Edition, und am besten von allem nochmal eine überarbeitete Fassung und man lässt das Spiel von vorne losgehen. Trickfilme gibt es in zig verschiedenen Varianten und vor allem auch Synchronisationen, weil man ja immer wieder neue Fassungen mit den gerade aktuellen Eintagsfliegen am Sternchenhimmel braucht. Und die Originale? Nun ja… sie verschwinden.

Oh, sie gehen nicht verloren. Zumindest nicht direkt. Sie werden ganz gezielt vom Markt genommen. Sie sind bei erscheinen einer neuen Version direkt erstmal unerwünscht. Mit der neuen Fassung will man ja nochmal dick Geld verdienen. Aber sie werden eben auch nicht auf neuen Medien wiederveröffentlicht. Und irgendwann ist auch das letzte VHS-Gerät verschwunden. Der DVD-Spieler wird auch gerade von neuen Geräten abgelöst. Irgendwann werden auch die Blu-Ray-Geräte wieder verschwinden. Und die letzten Originalfassungen geliebter Klassiker, werden irgendwo versauern, weil sie kaum noch jemand abspielen oder kopieren könnte. Traurige Vorstellung.

Und wer das jetzt müde belächelt soll das gerne einmal auf die Probe stellen. Los, versucht es. Sucht den Lieblingsklassiker Eurer Kindertage. Versucht ihn zu kaufen oder zu leihen. Und zwar in der Fassung, in der Ihr ihn kennen und lieben gelernt habt. In brauchbarer Qualität und auf einem Medium, das Ihr noch abspielen könnt. Immer öfter werdet Ihr das schwer bis gar nicht schaffen. Oh, es gibt sie noch. Irgendwo bei irgendwem. Sie versauern in irgendwelchen Archiven und werden Euch teilweise bewusst vorenthalten. Sei es, weil man damit kein Geld mehr verdient, oder weil man mit einer Neufassung mehr Geld verdient.

Sie sind vom Markt genommen oder in einigen Fällen (z. B. bei so mancher Fernsehserie) niemals dort erschienen, doch kopieren oder aus dem Netz laden dürft ihr sie trotzdem nicht. Das darf erst die übernächste Generation. Oder die Generation danach. Wenn sie es denn dann noch können.

Umso deutlicher zeigt sich: Kopien sind vieles, aber vor allem sind sie nützlich. Es wäre schön, wenn sie auch entsprechend legal wären. Zum Beispiel, indem man unter anderem die Schutzfristen realitätsnäher und sinnvoller gestaltet.

Nein, ich rede hier nicht von einer Abschaffung des Urheberrechtes. Und auch nicht von „Enteignung der Künstler“ (die natürlich jedes Recht haben, zu tun, was sie da tun). Ich rede von kulturellem Verlust, und wie man ihn vermeiden kann.

Viele Filme (und sicher auch einige andere Werke) werden das Schicksal von Metropolis erleiden. Sie werden verloren gehen. Einige ganz, von anderen werden „nur“ die Originalfassungen verschwinden. Bei vielen wird man sagen, es sei nicht schade drum. Bei einigen davon wird man sich später ärgern, dass man das gesagt hat.

Und der Gedanke gefällt mir gar nicht.

PS:

Ich hätte den langen Text gerne noch mit einem Bild aus dem Film aufgelockert, aber das scheint unmöglich. Die Rechte liegen wohl tatsächlich bei der Murnau-Stiftung. Dort gäbe es zwar Bilder, aber zum einen nur gegen Geld und zum anderen nicht für Privatpersonen.

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