Nomic – Ein Spiel für Piraten

Posted on 18. Januar 2010

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Das folgende ist ein Artikel, den ich frisch für das Piraten-Wiki verfasst habe. Ich halte das Spiel jedoch für interessant genug, es auch an dieser Stelle vorzustellen:

Nomic

Nomic ist die Bezeichnung einer bestimmten Art von Spielen, die sich im wahrsten Sinne des Wortes hauptsächlich mit sich selbst beschäftigen. Mit anderen Worten: sie sind selbstreferenziell. Die Regeln des jeweiligen Spiels beschäftigen sich hauptsächlich damit, wie sie selbst geändert werden können.
Entwickelt wurde Nomic in seiner ursprünglichen Form vom Philosophen Peter Suber, der auch eine führende Rolle in der Open-Access-Bewegung hat.
Maßgeblich erlangte es unter anderem durch den Kognitionswissenschaftler Douglas R. Hofstadter Bekanntheit, der es 1982 in seiner Kolumne Metamagicum (engl. Metamagical Themas) in der Zeitschrift Scientific American/Spektrum der Wissenschaft einer detaillierten Betrachtung unterzog. Dieser Artikel auch in der Kolumnensammlung gleichen Titels in Buchform zu finden. Beide Veröffentlichungen sollten zumindest über Universitätsbibliotheken aufzutreiben sein.

Ein Spiel für Piraten?

Nomic imitiert grundlegende  Prinzipien gesetzgebender Verfahren. Unter Beachtung der bestehenden Regeln (Gesetze) werden ebendiese geändert und erweitert. Diese Prinzipien sind grundsätzlich immer da relevant, wo auf vergleichbare Weise mit Regelsystemen gearbeitet wird. Dies betrifft zum Beispiel auch die Arbeit an und mit Parteisatzungen.
Dabei kann kann das Spiel nicht nur helfen, diese Prinzipien besser zu verstehen, sondern auch darin schulen die Tücken solcher Systeme zu durchschauen. So manche harmlos erscheinende Regel oder Regeländerung kann recht weitreichende und möglicherweise unerwünschte Nebenwirkungen haben oder im Extremfall sogar zu unauflösbaren Paradoxien führen (der Titel von Subers Buch lautete entsprechend „The Paradox of Self-Admendment – A Study of Logic, Law, Omnipotence and Change“), die sich aus der unvermeidlichen Selbstbezüglichkeit der Regeln ergeben.
Es lädt zum Experimentieren mit Regelsystemen ein und zum Ausloten der teilweise (vor allem für auf diesem Gebiet Unerfahrene) schwer vorhersehbaren Folgen. Das kann sehr bereichernd und lehrreich sein, sofern man diese Experimente auf das Spiel beschränkt und sich nicht entsprechend an der Satzung oder später möglicherweise an Gesetzen austobt. Von daher kann es durchaus für den ein oder anderen Piraten interessant sein.

Das Spiel

Nomic startet nicht zwingend mit einem vorgegebenen Regelsatz. Man kann das Spiel durchaus auch damit beginnen, die Ausgangsregeln erst einmal gemeinsam festzulegen. Dies dürfte jedoch sicher nicht die einsteigerfreundlichste Variante sein. Neben dem Original-Regelsatz von Suber, auf den ich mich hier beziehe, müssten im Netz noch zahlreiche alternative Regelsätze zu finden sein.
Das Spiel startet mit einem zweigeteilten Regelsatz aus 16 unveränderlichen (quasi die „Verfassung“ des Spiels) und 13 veränderlichen Regeln. Diese Regeln decken grundsätzlich alles ab, was für den Spielverlauf notwendig ist. Es wird definiert, was die Regeln sind und was Regeländerungen. Es wird festgelegt, wie Regeländerungen ablaufen und wie darüber abgestimmt wird, wer wann womit an der Reihe ist und wann das Spiel endet.
Dabei sind zwei Dinge von besonderer Bedeutung:
1. Die Frage „Ist es denn erlaubt, dass…?“ (oder eine Variante davon) hat grundsätzlich ein anderes Gewicht, als in anderen Spielen. Die jeweils aktuellen Regeln sind alles, was zum jeweiligen Zeitpunkt gilt. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich wird früher oder später die ein oder andere Regel einer Interpretation bedürfen, über die man sich möglicherweise uneinig ist. Aber auch die Klärung solcher Fälle durch ein „Gericht“ ist klar definiert und geregelt.
2. Keine Regel ist wirklich unveränderlich, auch wenn einige so bezeichnet sind. Die „unveränderlichen“ Regeln sind nur schwerer zu ändern, als die veränderlichen. Prinzipiell ist es möglich, schrittweise den gesamten Regelsatz auszutauschen und früher oder später ein gänzlich anderes Spiel vor sich zu haben. Selbst eines, an dessen Regeln überhaupt nichts mehr geändert werden kann. Das bedeutet auch: Wenn jemandem eine Regel (oder gar das ganze Spiel) nicht gefällt, kann er alles tun, um sie zu ändern oder abzuschaffen. Aber natürlich nur im Rahmen der jeweils gültigen Regeln.
Wie und auf welchem Wege man Nomic spielt ist dabei grundsätzlich weder festgelegt noch relevant. Man kann es auf jede erdenkliche Weise spielen, die man dafür geeignet hält, sei es nun als klassisches Gesellschaftsspiel in kleiner oder großer Runde im realen Leben oder virtuell auf einem der zahlreichen Wege, die das Netz bietet.

Regeln

Zwei in Details voneinander verschiedene Übersetzungen der Regeln lassen sich auch in Hofstadters Veröffentlichungen finden:

  • Douglas R. Hofstadter: Nomic: ein Spiel, das die Rückbezüglichkeit im Rechtswesen auslotet. In: Spektrum der Wissenschaft. August 1982
  • Douglas R. Hofstadter: Metamagicum, Klett-Cotta, 1993, (vergriffen)

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Posted in: Piraten, Politik, Spiele