Doppeldoktor Spitzer und die Mediengewalt

Posted on 6. Januar 2010

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Der Bayerische Rundfunk bzw. dessen Bildungskanal BR-alpha hat so einiges an interessanten Sendungen im Programm. Darunter auch Geist und Gehirn, eine Sendung rund um die Hirnforschung von und mit Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer. Sehr vorbildlich gibt es ein komplettes Archiv der bisherigen Sendungen auf den Seiten des BR. So weit, so gut, hätte das ganze nicht einen Schönheitsfehler. Und das wäre die Sendung mit dem Titel „Winnenden und die Wissenschaft“.

Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich die Kompetenz von Herrn Spitzer bestreiten möchte. Im Gegenteil. Der Mann scheint in der Regel zu wissen, wovon er spricht. Umso unverständlicher sind mir jedoch die Fehler insbesondere in dieser Sendung. Doch der Reihe nach. Schauen wir uns die Sendung einmal in Ruhe an.

Nach der pflichtgemäßen Betroffenheit erlaubt sich Herr Spitzer den ersten Patzer schon kurz nach Ablauf der ersten Minute:

Mittlerweile gibt es so viele, dass man sogar Statistiken darüber machen kann, über Amokläufe, die zeigen, dass alle, die das gemacht haben, die waren jugendlich, die waren aus …situationen, die hatten Probleme und so weiter, aber, was auch ganz wichtig ist, die habens vorher virtuell probiert was sie hinterher real gemacht haben…

Ich werde nicht jedes Wort und jede Silbe dieses Satzes auf die Goldwaage legen (inwiefern „probiert“, wie genau „virtuell“…?) aber es entsteht, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, der Eindruck, alle Amokläufer oder zumindest die an Schulen seien Spieler gewalthaltiger Computerspiele. Das jedoch wäre schlichtweg falsch. Tatsächlich trifft das auch auf Schul-Amokläufer nur zum Teil zu. Es gibt weder Grund noch Anlass, das Wort „alle“ sogar besonders zu betonen, wie es Herr Spitzer hier tut. Doch geben wir der Sendung eine Chance.

Ob es einen Zusammenhang zwischen Amokläufen und medialer Gewalt gibt, das soll in dieser Sendung geklärt werden. Und darum wird sich, zumindest im Vergleich zu den meisten anderen Fersehbeiträgen dazu, durchaus einigermaßen besonnen und sachlich bemüht. Dafür spricht auch, dass in der ganzen Sendung der unsägliche Begriff „Killerspiele“ kein einziges Mal verwendet wird.

Zunächst mal gibt es dazu aber auch keinen Anlass. Nach ein wenig merkwürdigem Geschwurbel über dickmachendes Fernsehen und wie leicht einem ein solcher Zusammenhang ja intuitiv einleuchte („Das versteht jeder!“) und der Vorwegnahme, wie man Gegenargumente zwar irrational aber wirksam aushebelt („Der Gegeneinwand ‚Ach die Dicken gucken halt mehr fern‘, den lässt man nicht gelten, weil man ja ein Gefühl hat, was das Fernsehen mit einem macht.“), gibt es die erste Studie zum Thema Gewalt und Ferbsehen.

Je mehr man fernsieht, desto mehr neige man zu Gewalt. Das habe die Studie eindeutig gezeigt und das beträfe ausnahmslos jeden. Doch selbst wenn diese Studie über jeden Zweifel erhaben wäre, was sie definitiv nicht ist, drängt sich mir die Frage auf: was soll die in der Sendung? Denn sie bezog sich offenbar eben nicht auf mediale Gewalt sondern grundsätzlich auf Medienkonsum ganz allgemein. Sie ist, zumindest für die Frage, um die es in dieser Sendung geht, damit völlig wertlos.

Nach noch ein wenig weiterem Geschwurbel auf vorherigem Niveau gibt es dann auch das erste zum Thema Computerspiele. Eine Untersuchung habe es gegeben, in der Versuchspersonen nachfolgende Versuchspersonen ärgern konnten, indem sie ihnen Tabasco ins Trinkwasser taten, und wer vorher ein Computerspiel mit Gewalt gespielt habe, habe mehr Tabasco ins Glas getan als solche Personen, die zuvor etwas harmloses gespielt hatten.

An eine solche Untersuchung erinnere ich mich auf Anhieb nur in einem anderen Zusammenhang, bei der der Tabasco als direkte Vergeltungshandlung für irgendetwas anderes gedacht war, was aber mit Gewalt in Computerspielen nichts zu tun hatte. Aber ich gehe natürlich davon aus, dass Herr Spitzer sich das nicht aus den Fingern saugt. Also: Leute, die gewalthaltige Computerspiele spielen ärgern danach ihre Mitmenschen stärker, als andere. Dies als verstärkte Neigung zur Gewalt betrachten zu wollen, widerstrebt mir aber selbst wenn man das tut, wird dabei etwas sehr wichtiges ausser Acht gelassen, auf das in der ganzen Sendung kein einziges Mal eingegangen wird: die Frage nämlich, wie lang ein solcher Effekt, wenn es ihn denn gibt, tatsächlich anhält.

Dieser Frage aus dem Weg zu gehen ist nicht unüblich. Täte man dies nicht, würde sich ein Großteil der Debatten zu diesem Thema als überflüssig herausstellen. Denn tatsächlich halten solche Effekte, die es in verschiedenen Formen tatsächlich gibt, maximal 30 Minuten an und verflüchtigen sich dann wieder. Doch nicht nur ist das hier offenbar keinerlei Erwähnung wert, sondern entsteht durch das vorangegangene Geschwurbel der Eindruck, es handle sich bei diesen Effekten um etwas dauerhaftes.

Vergleichbares gilt auch für die postulierte Abstumpfung, die mit der eindrucksvollen Schilderung eines anderen Experimentes verdeutlicht werden soll. Die Versuchspersonen bekommen als vermeintliche Spieletester die Aufgabe, Computerspiele zu spielen und anschließend Fragebögen auszufüllen. Während des Ausfüllens werden sie akustisch Zeugen einer Gewalttat im Nebenraum. Es wird nun die Zeit gestoppt, bis die Versuchspersonen dem vermeintlich hilflosen Gewaltopfer im Nebenraum zur Hilfe eilen und es zeigt sich: Menschen die gewalthaltige Spiele gespielt haben, zögern länger.

Aha, ja wahnsinn, was für eine Abstumpfung und Verrohung. Lassen wir mal ausser Acht, dass „Abstumpfung“ nur einer von endlos vielen möglichen Gründen für ein längeres Zögern ist (tatsächlich könnte Zögern sogar ein Hinweis auf höhere Sensibilisierung für die vermutete Situation sein oder für höhere Ängstlichkeit…) und die Untersuchung nicht hergibt, welche Gründe tatsächlich zutreffen: auch hier wieder keine Erwähnung, dass solche Effekte, so es sie denn gibt, nur sehr kurzlebig sind.

Statt dessen wird versucht, einen anderen Einwand, den, dass Laborbedingungen nur eingeschränkt die Realität wiedergeben, vorausschauend zu entkräften.

In einen anderen Versuch habe man die Hilfsbereitschaft von Kinogängern getestet, nach dem diese einen Film gesehen hatten, wozu ein Schauspieler einen Unfall vortäuschte. Ergebnis sei nun, dass diejenigen, die zuvor einen gewalthaltigen Film gesehen hatten weniger hilfsbereit waren. Dies wurde sogar sowohl vor, als auch nach den Filmen getestet um auszuschließen, dass die Besucher des gewalthaltigen Filmes von vornherein weniger hilfsbereit waren.

Das ganze erinnerte mich an ein anderes Experiment mit dem ich während meiner Schulzeit konfrontiert wurde. In diesem Experiment sollten Theologie-Studenten und/oder angehende Priester einen Vortrag über das Gleichnis vom barmherzigen Samariter vorbereiten. Auf dem Weg zum Vortrag wurden sie dann unter Zeitdruck gesetzt und dann mit einer hilfsbedürftigen Person konfrontiert. Würden sie dem Beispiel des barmherzigen Samariters, mit dem sie sich ja vorher auseinander gesetzt hatten, folgen und den vermeintlich wichtigen Vortrag sausen lassen um der Person zu helfen? Irritierend oft taten sie es nicht.

Was soll man jetzt daraus schließen? Theologiestudenten seien schlechte Menschen? Sich mit der Bibel auseinander zu setzen stumpft ab? So sehr man vielleicht versucht ist, das scherzhaft zu bejahen, ist das natürlich grober Unfug. Aber warum tun wir uns so schwer, etwas vergleichbares als Unsinn zu erkennen, sobald es um Filme und Computerspiele geht?

Diese Frage wird in der Sendung natürlich nicht gestellt. Statt dessen wird darauf hingewiesen, wie wichtig solche Erkenntnisse sind und dass man etwas tun sollte. Was das denn nun ist, was man tun sollte, darauf wird weder eingegangen noch wird es angedeutet. Aber egal, hauptsache, man hat es mal festgestellt. Jawollja.

Kurzzeitig war ich recht begeistert von dieser Sendereihe. Aber diese Sendung ist dazu geeignet, mir diese Begeisterung direkt wieder zu nehmen. Nicht, weil sie Dinge anspricht, die ich nicht hören will, sondern weil sie Fehler als Fakten hinstellt und Ungenauigkeiten als Offensichtlichkeit.

Wer das ganze Thema mal etwas differenzierter betrachtet haben möchte, dem sei folgendes Dokument ans Herz gelegt:

Gewaltspielevortrag

Es handelt sich dabei um das Begleitpapier eines Vortrages, den die Piratin und diplomierte Psychologin Heike Palm aus Unna bei einer Veranstaltung in Unna zu diesem Thema hielt.

Wiederholungen dieses Vortrages sind angedacht, aber bisher sind meines Wissens noch keine Termine geplant.

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Posted in: Allgemeines, Spiele