Von Selbstmördern, Büchern und (Nicht-)Verboten

Posted on 2. Oktober 2009

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Nachdem ich bereits von Selbstmördern, Mördern, Spielen und „Experten“ erzählt habe, möchte ich den Blick noch ein weiteres Mal ein wenig weiter schweifen lassen. Denn eigentlich war auch der Wind um D&D damals längst ein alter Hut. Ein sehr alter.

1774 erschien ein Buch, das direkt nach seinem Erscheinen zum Bestseller avancierte und seinen Autor auf einen Schlag berühmt machte. Und das obwohl die erste Auflage ohne Nennung seines Namens veröffentlicht wurde. Es schlug ein, wie eine Bombe und wurde zu einem Massenphänomen. Man kleidete sich wie der tragische Held, man schmückte Alltagsgegenstände mit Motiven des Buches. Heute würde man es wahrscheinlich „Kult“ oder „Hype“ nennen, damals nannte man es „Fieber“. Doch ein Wort dürfte auch damals schon das gleiche, wie heute gewesen sein: Skandal. Und genau solcher haftete dem Buch an, oder besser: gleich zwei. Und die Geschichte des zweiten hält sich bis heute. Denn das Buch, so heisst es, habe eine wahre Selbstmordwelle ausgelöst.

Der Titel des Buches dürfte fast so bekannt sein, wie der Name seines Verfassers. „Die Leiden des jungen Werther“ und niemand geringeres als der Inbegriff des deutschen Dichters schlechthin hat es  geschrieben: Goethe. Und auch der Hintergrund der Geschichte ist fast so bekannt, wie das Buch selbst. Goethe verarbeitete in diesem Roman seine unglückliche Liebe zur bereits verlobten Charlotte Buff. Diese Möglichkeit der Verarbeitung gesteht er seinem Helden jedoch nicht zu und lässt ihn den Freitod wählen. Und genau das sollen sich viele unglückliche Leser zum Vorbild genommen haben.

Bis heute ist umstritten, wie viele Werther-Suizide es tatsächlich gegeben haben mag. Tatsächlich nachweisen lässt sich wohl kaum mehr, als eine Hand voll. Woher kommen dann die Geschichten von einer wahren Selbstmordwelle, die auch über die deutschen Grenzen hinaus junge Leute geradezu hinweg gemäht habe?

Fakt ist: dieses Buch war aus gänzlich anderen Gründen ein noch viel größerer Skandal. Der Held war ein Freigeist, ein junger Rebell, der sich ausserhalb der gängigen gesellschaftlichen Normen bewegte. Zu sagen, das sei in der bürgerlichen Gesellschaft nicht gut angekommen, wäre beschönigend. Aber die Jugend stürzte sich drauf und verstieg sich immer mehr ins „Werther-Fieber“. Skandalös!

Nicht nur, aber nicht zuletzt auch darin dürften die Ursachen für Bestrebungen zu suchen sein, dieses Buch zu verbieten, was ja mancherorts tatsächlich auch umgesetzt wurde. Als Begründung dafür wurden aber eben auch Nachahmungssuizide harangezogen, wobei gerade auch die Kirche nicht vor maßloser Übertreibung zurückschreckte, was wiederum eine der Ursachen dafür ist, dass niemand weiss, wie viele Selbstmorde es denn nun tatsächlich waren.

Heute ist dieses Buch ein Klassiker der Weltliteratur. Und man scheut nicht davor zurück, junge Schüler mit dieser „Aufforderung zum Selbstmord“ zu konfrontieren. Und passieren tut: nichts. Und das ist nicht allein durch veränderte gesellschaftliche Umstände zu begründen. Dieses Buch kann heute junge Gemüter noch genauso bewegen, wie damals. Nein, heutzutage hat man keine Werther-Poster an den Wänden und kleidet sich auch nicht Werther-typisch. Der „Hype“, das Fieber ist seit langem verflogen. Aber ebenso auch der Hype um die Werther-Suizide. Die sind bestenfalls noch geeignet, Schüler neugierig auf dieses „Skandal-Buch“ zu machen. Doch bei einigen muss man das gar nicht. Auch nach über drei Jahrhunderten ist Werther eine der großen Identifikationsfiguren für literarisch interessierte unglücklich Verliebte.

Obwohl sowohl Anzahl als auch Ursache der wenigen tatsächlich nachweisbaren Suizide nach wie vor stark umstritten sind, fand der Begriff „Werther-Effekts“ ziemlich genau 300 Jahre nach dem ersten erschienen des Buches, 1974, Einzug in die Psychologie. Er beschreibt ein Ansteigen der Selbstmordraten nach Suiziden, die mediale Aufmerksamkeit erregten. Auch bei diesem Effekt ist nicht abschließend geklärt, ob und in welchem Ausmaß es ihn tatsächlich gibt. Auch wenn einiges dafür zu sprechen scheint, gibt es zahlreiche Kritiker mit berechtigten Zweifeln. Wenn nicht, was den anlassgebenden Charakter der Berichte angeht, dann doch zumindest dahingehend, ob sie auch tatsächlich ursächlich sind. Die Medien üben sich jedoch präventiv in Selbstzensur, was die Berichterstattung über Selbstmorde angeht.

Wenn es einen Zusammenhang zwischen Goethes Werther und realen Selbstmorden jemals gab scheint er sich verflüchtigt zu haben. Dennoch sind viele Bücher zeitweise mit vergleichbaren Vorwürfen konfrontiert. Und wenn man ihnen sonst nichts vorwerfen kann, dann im Zweifel, dass sie halt einfach „die Jugend verderben“. Wie Goethes Werther enden die meisten von ihnen als Klassiker und Dauerbrenner.

Dabei müsste so manches Buch eigentlich noch viel stärker Besorgnis erregen, z. B. J. D. SalingersDer Fänger im Roggen“ (in der Tat scheint dieses Buch immer noch immer wieder in US-Bibliotheken „verboten“ zu werden; mit den verschiedensten Begründungen). Schließlich sollen Charles Manson, John Hinkley und Ted Kaczynski ein Exemplar besessen haben. Mark David Chapman, der Mörder John Lennons, berief sich nach seiner Tat sogar ausdrücklich auf die Identifikation mit der Hauptfigur (und das unter anderem sogar selbst in Buchform). Dennoch ist es nicht verboten. Und ein solches (unsinniges) Verbot scheint auch niemand zu fordern. Warum nicht?

Vielleicht unter anderem deshalb, weil wir Bücher viel leichter als das erkennen und akzeptieren, was sie sind: Kunst und Kulturgut. Und als solche gestehen wir ihnen zum einen Freiheiten zu, die wir an anderen Stellen eifrig bemüht sind, zu beschränken. Und zum anderen lassen wir nicht so bereitwillig zu, dass sie wahre Hintergründe und Umstände verdecken. Nach einem Mord oder Selbstmord schauen wir nach den wahren Gründen, aber durchsuchen nicht das Bücherregal danach, welchen Klassiker man denn dafür verantwortlich machen könnte.

Und hier kann ich nun zum Abschluss endlich die Brücke schlagen zum vorherigen Beitrag und zu dem, worum es in der ganzen Auseinandersetzung eigentlich geht: Der Diskussion um die Spiele, seien es nun sogenannte „Killerspiele“ oder sonstige, wäre wesentlich damit gedient, wenn sie zunächst mal als das erkannt und anerkannt würden, was sie tatsächlich sind: Eben auch Kunst und kulturelles Gut.

Das mag sich dem ein oder anderen vielleicht nicht auf den ersten Blick erschließen und wenn, dann auf Grund der grafischen Aspekte bei Computerspielen noch eher, als bei Rollenspielen, die nur „im Kopf“ stattfinden. Aber wenn wir schon bei diesen reinen Fantasie-Spielen einen Schritt weiter sind und nicht mehr jeder Unsinn sofort für bare Münze genommen wird, dann sollte das bei Computerspielen durchaus auch möglich sein.

Kommt schon, gebt Euch nen Ruck. Bei Büchern habt ihr es ja auch irgendwann geschafft, sie nicht zwanghaft wegen allem Möglichen verbieten zu wollen.

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Posted in: Piraten, Spiele, Zensur