Piraten und Raumfahrt – Versuch einer inoffiziellen Antwort an Florian Freistetter

Posted on 6. September 2009

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Florian Freistetter hatte in seinem Blog Astrodicticum Simplex passend zur Bundestagwahl allen im Bundestag vetretenen Parteien einen kleinen Fragenkatalog vorgelegt, um sie über ihre Haltung zum Thema Raumfahrt auszuquetschen. Das ganze hat jedoch den Schönheitsfehler, dass ihm drei Parteien nicht geantwortet haben: Die Grünen, die CSU und leider auch die Piraten. Das möchte ich an dieser Stelle inoffiziell mit ganz persönlichen und laienhaften Ansichten zu diesem Thema nachholen.

Zunächst einmal bin ich positiv überrascht, dass er die Piraten zumindest soweit ernst nimmt, sie in diese Fragerunde einzubeziehen, auch wenn er davon ausgeht, dass wir nach der Wahl nicht mehr im Bundestag vertreten seien und den nicht seltenen Fehler mach, uns als monothematische Partei zu sehen.

Richtig ist aber natürlich, dass wir als Partei offiziell zum Thema Raumfahrt noch keine Position haben. Und das auch primär deshalb, weil wir bisher noch keine Leute haben, die dieses Gebiet kompetent beackern könnten. Soweit wir sie doch hätten (ich weiss zumindest von einem Sympathisanten, der einen Job bei der ESA hat; wie es darüber hinaus aussieht: keine Ahnung), tun sie es jedenfalls noch nicht. Die Partei ist noch jung und vergleichsweise klein. Das Entwickeln einer brauchbaren Position benötigt seine Zeit.

So spreche auch ich hier wie gesagt nur als interessierter Laie ohne viel Ahnung. Und ich muss auch vorweg gestehen, dass ich mich noch nicht darüber informiert habe, wie z. B. die Finanzierung von Raumfahrtprojekten vor sich geht und welchen Umfang sie bisher in welchem Bereichen überhaupt hat. Dementsprechend allgemein werden meine Aussagen sein. Dennoch möchte ich die Fragen nicht gänzlich unbeantwortet lassen, da ich persönlich sie für gut, richtig und wichtig halte.

Zum Zwecke der Unbefangenheit und der Fairness halber habe ich mir auch weder die Antworten der anderen Parteien, noch die Kommentare dazu noch einmal durchgelesen. Das tue ich erst noch einmal, wenn dieser Text fertig im Netz steht.

Hier also die Fragen und der Versuch einer Antwort.

1. Wie ist die offizielle Position Ihrer Partei zur Raumfahrtpolitik? Sind die Anstrengungen Deutschlands ausreichend oder zuwenig/zuviel?

Wie richtig erkannt wurde: Wir haben noch keine und können auch noch keine haben. Die Anstrengungen Deutschlands, soweit ich bisher etwas von ihnen mitbekomme bewerte ich durchaus positiv. Deutschland hat in europäischer und internationaler Kooperation zumindest schon einmal einen Fuß in der Tür nach „da draussen“ und leistet einen durchaus wertvollen Beitrag. Inwiefern dieser Beitrag ausbaufähig ist und tatsächlich auch ausgebaut werden sollte vermag ich nicht zu beurteilen, aber von einem „zuviel“ sind wir meines Erachtens weit entfernt.

2. Soll Deutschland verstärkt international Kooperationen (z.B. mit NASA oder ESA) suchen oder auch alleine Projekte in Angriff nehmen?

Die Zukunft der Raumfahrt liegt meines Erachtens grundsätzlich in der internationalen Kooperation. Sich abzukapseln hieße auf auf einen weitreichenden Erfahrungsschatz und auf großes technisches Potential zu verzichten. Vereinzelte Alleingänge können insofern sinnvoll sein, den eigenen Erfahrungsschatz und die Grenzen der eigenen Möglichkeiten zu erweitern, um so die internationale Zusammenarbeit bereichern und eigene Positionen und Interessen stärken zu können.

3. Glauben Sie, dass eine Investition in die Raumfahrt einen positiven Effekt auf die Wirtschaft in Deutschland haben kann?

Aber sicher doch. Soweit mein sehr geringer Kenntnisstand reicht, sind deutsche Technologien und Fähigkeiten in diesem Bereich international durchaus auch respektiert und geschätzt. Dies ist ein auch wirtschaftliches Potential, das man keinesfalls verspielen sollte. Luft- und Raumfahrt-Technologie stellen in meinen Augen einen ganzen eigenen Industriezweig dar, in dem viel wirtschaftliche Kraft steckt. Vom nicht zu beziffernden Wert der Grundlagenforschung ganz zu schweigen.

4. Sind Investitionen in Raumfahrt Luxus oder notwendig?

Sie sind, man verzeihe mir das Wortspiel, ein notwendiger Luxus. Ungeachtet des Wertes, den ich persönlich in der Raumfahrt sehe, könnten wir natürlich auch wunderbar ganz ohne Raumfahrt leben. Ich glaube, aber, dass wir mit ihr besser leben. Neben der der wirtschaftlichen Kraft, der Funktion als Fortschritts-Antrieb und der Grundlagenforschung ist und bleibt sie die Erfüllung eines uralten Menschheitstraumes mit gewaltiger Inspirationskraft. Und es darf nicht vergessen werden: auf sehr lange (wirklich seeeeehr lange) Sicht liegt die Zukunft der Menschheit in der Raumfahrt. In ferner Zukunft, sofern wir bzw. unsere evolutionären Nachfolger dann überhaupt noch existieren, werden wir diesen Planeten wohl oder übel verlassen müssen. Warum nicht schon jetzt damit anfangen?

5. Sind Sie der Meinung, dass das Geld für die Raumfahrt für andere Projekte verwendet werden sollte? Wenn ja, welche?

Kurze Antwort: Nein.

Etwas längere Antwort:

Natürlich gibt es andere, vor allem auch wissenschaftliche Bereiche, die dringend größerer Mittel bedürfen. Das ist ein weites Feld, das von medizinischer Forschung bis hin zu fundamentalen Dingen wie der Existenzgrundlage einzelner reicht. Auf der anderen Seite gibt es viele Bereiche, in denen Mittel sinnlos verschwendet werden. Die Raumfahrt zählt jedoch keinesfalls dazu.

6. Halten Sie die Entscheidung, die deutsche Mondmission LEO zu streichen, für richtig?

Leider weiss ich nicht, welche Gründe dazu führten, dass die Mittel für LEO gestrichen wurden. Wenn man jedoch bedenkt, dass die 350 Millionen, die LEO gekostet hätte, nur ein kleiner Bruchteil dessen sind, was z. B. Banken für Bewältigung einer selbstverschuldeten Krise zur Verfügung gestellt wurde, wird jede mögliche Begründung schwer nachvollziehbar.

7. Halten Sie die Pläne für eine neue deutsche Mondmission für sinnvoll?

Ja. Ungeachtet des wirtschaftlichen Wertes für die Raumfahrtindustrie hätte LEO einen wertvollen Beitrag zur weiteren Erforschung des Mondes geleistet, von dem auch spätere internationale hätten profitieren können. Ich weiss leider nicht, welche Pläne es für deutsche Mondmissionen über LEO hinaus gibt, aber ich hoffe, ein solcher Rückschlag wiederholt sich nicht.

8. Welche Ziele sollten in der Raumfahrt künftig verfolgt werden?

Dies ist für mich die schwerste aller Fragen, da ich mich hier nicht so leicht aufs Allgemeine zurückziehen kann und möchte, wie bei den anderen Fragen. Dennoch wird mir mangels Wissens leider nicht viel mehr möglich bleiben. Ich persönlich habe nur ein sehr grobes Bild dessen, was Raumfahrt leisten kann.

Als für den zukünftigen Alltag unmittelbar relevantes Projekt betrachte ich die Entwicklung des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo interessiert.

Darüber hinaus erhoffe ich mir von der Erforschung auch unserer unmittelbaren planetaren Nachbarschaft wertvolle Erkenntnisse für die Untersuchung von Klima und Atmosphäre nicht nur der Erde. Mittelfristig halte ich es für sehr bedeutsam möglichst viel nicht nur über unser Klima und unsere Atmosphäre herauszufinden, sondern auch über die beiden Extremfälle an den Rändern der sogenannten habitablen Zone. Dies ist nicht unbedeutend für die für mich persönlich nicht unwichtige Frage, wo „da draussen“ Leben existieren könnte und unter welchen Bedingungen.

Des weiteren ist für mich die Möglichkeit eines permanenten „Außenpostens“ auf dem Mond nicht nur sehr faszinierend, sie könnte auch wichtige Erkenntnisse über Mond- und Erdgeschichte liefern und als Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen vor allem auch des restlichen Sonnensytems dienen.

Konkrete Ziele kann ich mir als Laie insgesamt schwer vorstellen und beurteilen. Mir persönlich ist die Herausforderung an sich, sowohl was das technische als auch das menschliche angeht, neben der allgemeinen Grundlagenforschung Grund genug, den Weg is All zu wagen und auch möglichst weit zu gehen.

9. Braucht Deutschland einen eigenen bemannten Zugang zum All – zum Beispiel in Form einer für bemannte Flüge ausgebauten Ariane-Rakete und eines erweiterten ATV?

Wie alles andere ist diese Frage für mich schwer zu beurteilen. Als wichtigen Grund sich mit dieser Frage auseinander zu setzen, betrachte ich etwas, das ich einfach mal Anbieter-Unabhängigkeit und der Ausfall-Sicherheit bezeichnen möchte. Gerade bei größeren internationalen Projekten wie aktuell der ISS ist es wichtig, möglichst mehrere Zugänge zum All zu haben, um das Projekt nicht durch potentielle längere Ausfälle zu gefährden. Aktuell können wir auf zwei Zugänge zurückgreifen. Ob das auf Dauer ausreichend und ausreichend gesichert ist oder ob Deutschland/Europa sich zusätzlich um einen eigenen Zugang bemühen sollte, vermag ich nicht zu berurteilen, ist aber eine Frage, der man sich stellen muss.

10. Halten Sie bemannte Raumfahrt für sinnvoll oder sollte sich Deutschland nur an Bau, Entwicklung und Betrieb von Raumsonden und Satelliten beteiligen?

Hier kann ich mich nur wiederholen: Neben dem wirtschaftlichen Wert und dem nicht zu beziffernden Wert der Grundlagenforschung, betrachte ich die Herausforderung an sich als Grund genug. Eine Herausforderung, der sich auch deutsche Astronauten in der internationalen Zusammenarbeit stellen können sollten.

So das war es. Ich hoffe, ich habe mich nicht zu sehr durch Ahnungslosigkeit blamiert. Es wird auch unter den vielen Laien viele geben, die weitaus mehr und weitaus besseres zu diesem Thema sagen könnten, als ich. Wie zukünftige „echte“ und offizielle Antworten der Piratenpartei auf diese Fragen aussehen könnten, sofern es sie jemals gibt, ist noch nicht abzusehen. Es gibt jedoch bei Teilen der Piraten ein sehr ausgeprägtes Interesse an diesem Thema und es ist durchaus vorstellbar, dass wir, sofern die Kompetenzen erst einmal da sind, in einer entsprechenden Arbeitsgruppe eine Position zu diesem Thema erarbeiten. Das steht jedoch aktuell leider nicht wirklich weit oben auf unserer Prioritäten-Liste. Aber wir sind ja sehr offen und auch Nicht-Piraten und andere Sympathisanten können sich bei uns für Themen einsetzen und sie mit uns zusammen ausarbeiten.

Bei einem weiteren von Florian in der Vergangenheit angesprochenen Thema werde ich selbst mich spätestens nach dem Wahlkampfstress darum bemühen, es in die passende Arbeitsgruppe einzubringen: Astronomie-Unterricht an Schulen. Vielleicht wären meine Antworten hier auch eine ganze Ecke besser gewesen, wenn ich in der Schule mehr dazu gelernt hätte 😀

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